Andreas Bühne – Ein kurzes, aber intensives Leben

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Zeugnis Andreas Bühne

Auszüge der Traueransprache bei der Beerdigung von Andreas Bühne am 27.08.2016


mit freundlicher Genehmigung von CLV/Wolfgang Bühne

Die Trauer-Predigt zum Nachhören oder Lesen.

Andi wurde 1971 geboren und ist in einem gläubigen Elternhaus in Schwelm aufgewachsen. Sein Vater Gerd und seine Mutter Gerda waren überzeugte Christen. Es wurde gebetet, die Bibel gelesen. Sonntags ging es in die Gemeinde. Zweifel an Gottes Existenz hatte Andi nie – aber es war ihm äußerst peinlich, dass seine Kameraden wussten, dass Andis Eltern Christsein sehr ernst nahmen. Aber Gott schien ihm eine „Spaßbremse“ zu sein und er tat alles, um jede Spur von Frömmigkeit zu verwischen, weil der Wunsch nach Anerkennung bei seinen Freunden und Kameraden sehr stark war.

Jetzt Andis Originalton:

Bereits mit 10 Jahren habe ich gelogen und gestohlen, um bei meinen Klassenkameraden interessant zu sein. Ich habe Geschichten erfunden, um mich in den Vordergrund zu stellen. Bald darauf habe ich auch Gewalt eingesetzt, obwohl ich total Angst davor hatte. Mein Plan schien aufzugehen. Ich hatte viele Freunde und mir machte das Leben Spaß.

Es dauerte nicht lange, bis ich im Alter von 14 Jahren mit Drogen in Berührung kam. Natürlich war ich derjenige, der sich traute an der Tüte zu ziehen, auch wenn die anderen mich davor warnten. War doch alles nur ein Spiel und was interessiert mich die Zukunft – ich wollte jetzt leben. An die Berufswahl bin ich auch völlig emotionslos gegangen und habe einfach mit 16 Jahren eine Lehre zum Industrieschlosser begonnen. Auch in meiner Ausbildungszeit ging das alte Spiel weiter, immer der Faxenkönig, ständig am Blaumachen und anstatt ans Lernen zu denken auf Partys unterwegs.

(Einschub: Als Lehrlinge hatten sie eine Wette gemacht, wer es schafft am längsten krank zu feiern. Er hatte es geschafft, mit allen Raffinessen fast 12 Monate im Jahr krank zu feiern – wegen angeblicher Herzstörungen.)

Kurz vor Ende meiner Ausbildung haben Alkohol und Drogen so sehr mein Leben bestimmt, dass ich die Ausbildung abgebrochen habe. (Er hatte seinen Ausbilder verhauen und musste deshalb gehen!) Wie sollte es weiter gehen?

Durch eine Freundin kam ich in die Gastronomie. Das machte mir richtig Spaß. Jedes Wochenende Party und dafür noch Geld zu bekommen. Aber auch hier war mehr als Party, und ich musste mich auch auf die unangenehmen Dinge in diesem Job einstellen.

Auto bin ich immer ohne Führerschein gefahren.

Nach einer heftigen Party, ich konnte kaum noch stehen, borgte ich mir den Wagen eines Freundes aus, um etwas zu Essen zu besorgen. Meine Fahrt endete nicht weit, mittig vor einem Baum. Folge: 16.000 DM Schulden.

Gerüchte wurde gestreut, ich wollte mir das Leben nehmen, aber daran habe ich nicht gedacht. Meine Familie hatte die Hoffnung, dass ich jetzt endlich merkte, wohin mein Lebensstil mich bringt. Aber schon im Krankenaus ging die Party weiter.

Aber wie sollte es jetzt weiter gehen? Ich hatte Schulden für den Wagen, die mein Vater vorgestreckt hatte. Ich musste an Geld kommen.

Durch Einbrüche und Diebstähle hielt ich mich über Wasser. Schließlich begann ich, mit einem Freund Drogen zu verkaufen.

Wir schmuggelten aus Holland zuerst nur Marihuana und verkauften die Droge zunächst nur unter Freunden, später im größeren Kreis.

Schnell entwickelte sich ein Geschäft und wir wurden immer leichtsinniger beim Schmuggeln.

Als wir mit einer beträchtlichen Menge Drogen bei Venlo über die Grenze wollten, ging die Schranke runter und Grenzbeamte begannen, die Fahrzeuge vor uns zu kontrollieren. Ich saß am Steuer und vor uns war eine Auto mit einem gleichen Kennzeichen wie wir – mit „EN“ – in dem zwei ältere Ehepaare saßen.

Ich wusste, jetzt würden sie mich kriegen. Schließlich war ich vorbestraft und das bedeutete erst mal Knast für die nächsten Jahre. Nach vielen Jahren fing ich zum ersten Mal wieder an zu beten, ich sagte zu Gott: „Wenn du mich hier durchkommen lässt, mache ich Schluss mit den Drogen und ich beginne ein anständiges Leben!“

Wie durch ein Wunder kamen wir über die Grenze, ohne kontrolliert zu werden. Zu dieser Zeit hatte ich noch lange Haare und man konnte mir ansehen, dass ich Drogen nahm.

(Als sie ihn fragten, woher er käme, sagte er: „Wir sind mit meinen Eltern vor uns zum Kaffeetrinken nach Venlo gefahren.“ Der Zöllner winkte ihn durch, ohne nach seinen Führerschein zu fragen, den er nicht besaß.)

Wir fuhren los, kriegten zunächst vor Anspannung kein Wort heraus, aber nach einigen Kilometern brachen wir vor Lachen zusammen: Wie cool waren wir doch! Wir stopften uns eine Pfeife. Kein Gedanke mehr an mein Gebet und mein Gelübde.

Danach ging es in meinem Leben rapide bergab. Ich kam in Kreise, wo man keinem mehr vertrauen konnte, jeder dachte nur noch an sich selbst.

Im Juni 1993 bekam ich von einem Bekannten dessen Motorrad. Ich hatte ihm versprochen es zu kaufen, besaß aber kein Geld.

Mit dem Motorrad unterwegs und unter Drogen, wurde mir an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen und ich landetet mit einigen Brüchen im Krankenhaus. Da ich immer noch keinen Führerschein hatte, nannte ich mich bei der Polizei mit dem Namen meines Bruders Markus und gab auch seinen Geburtstag als meinen an. Erst wenig später fiel mir ein, dass Markus keinen Motorrad-Führerschein besaß und ahnte, dass ich mich selbst in eine Falle manöveriert hatte.

In derselben Nacht flüchtete ich noch aus dem Krankenhaus. Ich hatte keine Krankenversicherung und die Polizei suchte mich, weil sie mir auf die Schliche gekommen waren.

Bei meinen Eltern, die gerade im Urlaub waren, versteckte ich mich. Mein Leben war am Ende.

In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1993 schloss ich mich im Keller meiner Eltern ein und war fest entschlossen, meinem Leben ein Ende zu bereiten.

Ich betäubte mich mit allen Drogen die ich hatte – aber in mir kam eine große Angst auf, gleich vor Gott zu stehen. Durch meine Erziehung wusste ich einiges über Gott. Mir war klar, dass er mich nie in den Himmel lassen würde … so wie ich gelebt hatte.

Auf einmal kamen mir Sätze aus der Bibel in den Kopf, die ich als Kind lernen musste.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“

Was soll ich machen? Ich hatte Gott schon so oft um etwas gebeten, aber mich danach nicht mehr um ihn gekümmert.

Gott und ich, wir passten einfach nicht zusammen.

In meiner Verzweiflung betete ich wieder einmal – aber jetzt in großer Not: „Gott, wenn du aus meinem Leben noch etwas machen kannst, dann rette mich.“

Darauf schlief ich unter dem Einfluss der Drogen ein. Am nächsten Morgen wusste ich noch genau, was ich zu Gott gesagt hatte. Ich bestellte mir ein Taxi und fuhr zu Jürgen, einem langjährigen Bekannten, von dem ich wusste, dass er mit Gott lebt.

Nachdem ich ihm alles erzählt hatte, erklärte er mir, dass, wenn ich Jesus meine Schuld und mein Versagen bringe, ihn um Vergebung bitte und ihn in mein Leben lasse, er mir ein neues Leben schenken würde.

Weil Jesus durch seinen stellvertretenden Tod die Sünden aller Menschen getragen hat, können wir dieses Opfer für uns annehmen. Wir müssen es aber für uns annehmen und ihm unser Leben zur Verfügung stellen.

Jesus die Kontrolle über mein Leben zu geben, das war doch das Beste, was mir passieren konnte. Mir war klar, dass ich nicht in der Lage war, mein Leben selber zu meistern.

Also sagte ich zu Gott, dass er doch bitte in mein Leben kommen solle. Ich begann, ihm meine Schuld zu bekennen und bat um Vergebung.

Das könnt ihr euch nicht vorstellen: diese Erleichterung! Es war, als würden Tonnen der Last von mir fallen. Mein Leben war bisher nur noch von Angst bestimmt: Würden meine Lügen auffliegen? Erkennt mich jemand, den ich bestohlen habe?

Jetzt ließ ich mich in die Hände Gottes fallen. „Oh Happy Day!“

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Jürgen, der Christ, mit dem Andi gebetet hatte, wusste: Andi muss von Schwelm weg. Aber Versuche, ihn in eine Drogentherapie oder Gefährdetenhilfe unterzubringen scheiterten und Andi sagte: „Bringt mich nach Schoppen zu Wolfgang und Ulla!“

Wenige Stunden später brachte Günter, ein guter Freund aus Hückeswagen, den Andi zu uns. Nach Jahren sah ich Andi zum ersten Mal wieder. Als Teenie war er ab und zu in unseren Freizeiten gewesen und als „Bomber“ bekannt, weil er beim Fussballspielen mit seiner damals massigen Gestalt immer in der Verteidigung spielte und mit Vorliebe den Ball nach vorne drosch. Jetzt stand er vor mir, den kaputten Arm in der Schlinge, eine Bermuda-Hose und ein Hawaii-Hemd an und Schlappen an den Füßen. Von seiner Pläte hingen seitlich die Haare bis auf die Schultern – wie man sich einen Hippi der 90er Jahre vorstellt – und wir grinsten uns an.

Ein paar Tage später kam er zu mir, ein Taschenbuch in der Hand und sagte voller Stolz: „Das hier ist das erste Buch in meinem Leben, das ich gelesen und bis zu Ende gelesen habe.“

Und dieser Bomber, der keinen Berufsabschluss vorweisen konnte, bisher nichts mit Büchern zu tun hatte, jede Art von Autorität ablehnte, wohnte dann einige Jahre mit uns zusammen in einer Art Wohngemeinschaft, wo es mit ihm auf und ab ging, aber wo viele Freunde ihm halfen, charakterlich und geistlich zu wachsen. Er lernte Verantwortung zu übernehmen und schließlich in unsere christl. Buchhandlung einzusteigen und nach Jahren Geschäftsführer zu werden, mit vielen Ideen und dem großen Anliegen, Menschen auf alle Weise mit der Bibel und Jesus Christus bekannt zu machen.

Wenn ich an Andi denke und was er mir und vielen anderen war, fällt mir ein Nachruf ein, der vor fast 250 Jahren von John Wesley über seinen heimgegangenen Freund George Whitefield gehalten wurde. Darin sagte er u. a.:

„Sollten wir nicht erwähnen, dass er ein Herz hatte, das zur großzügigsten und innigsten Freundschaft fähig war? Ich habe oft gedacht, dass dies neben allen anderen die wirklich bezeichnende Eigenart seines Charakters war. Wie wenigen Menschen sind wir begegnet, die ein so freundliches Gemüt hatten, aus dem die wärmsten Zuneigungen frei und voll fließen konnten! War das nicht die Ursache, warum die Herzen anderer in solch eigentümlicher Weise zu ihm gezogen und mit ihm verbunden wurden?“

Ich meine, diese Charakterbeschreibung trifft ähnlich auch auf Andi zu. Oft kamen Bekannte oder Ratsuchende zu ihm ins Büro und er nahm sich Zeit für sie. Und er, der bis zu seiner Bekehrung nicht ein einziges Buch gelesen hatte, hat in den folgenden Jahren Unmengen von Büchern gelesen, die er dann auch glaubwürdig als seelsorgerliche Hilfe vorstellen und empfehlen konnte.

Andi schloss sein Lebenszeugnis mit folgenden Sätzen:

„Heute bin ich 23 Jahre frei von Drogen und muss mich nicht mehr um Anerkennung bemühen, weil ich von Jesus geliebt bin. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Gott hat mir eine Frau und zwei Kinder anvertraut. Danke, Jesus!“

Andis Lebenszeugnis ist vielleicht für manche seiner früheren Freunde ein letzter, dringender Appell, das eigene Leben Jesus Christus anzuvertrauen, der allein echte Freiheit von Schuld, Sünde und einem sinnlosen, verkorksten Leben schenken kann.

Andis kurzes, aber intensives Leben ist aber auch für manche unter uns ein mutmachendes Beispiel dafür, dass es – egal ob Christ oder Nichtchrist – keine hoffnungslosen Fälle für Gott und kein Grund zur Resignation gibt.

Und wenn Du selbst bereits vor den Toren der Ewigkeit stehst und das durchschnittlich zu erwartende Lebensalter überschritten hast und auf ein Leben ohne Gott oder sogar in Rebellion gegen Gott zurückblickst: Lass Dich durch Andis Zeugnis ermutigen, Dich vor Gott zu demütigen und seine Vergebung zu suchen und anzunehmen.

Erscheinen meines Gottes Wege
mir seltsam rätselhaft und schwer,
und gehen Wünsche, die ich hege,
still unter in der Sorgen Meer.

Will trüb und schwer der Tag verrinnen,
der mir nur Schmerz und Qual gebracht,
so darf ich mich auf eins besinnen:
dass Gott nie einen Fehler macht.

Wenn über ungelösten Fragen
mein Herz verzweiflungsvoll erbebt,
an Gottes Liebe will verzagen
weil sich der Unverstand erhebt,

dann darf ich all mein müdes Sehnen
in Gottes Rechte legen sacht
und leise sprechen unter Tränen:
dass Gott nie einen Fehler macht.

Drum still mein Herz und lass vergehen,
was irdisch und vergänglich heißt,
im Lichte droben wirst du sehen,
dass gut die Wege, die er weist.

Und müsstest du dein Liebstes missen,
ja ging’s durch kalte, finstre Nacht,
halt fest an diesem sel’gen Wissen:
dass Gott nie einen Fehler macht!

Herbert Sack (1902–1943)
in Stalingrad niedergeschrieben

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