Vor seiner Himmelfahrt übertrug Jesus seinen Nachfolgern die Aufgabe, das Evangelium weiter zu verbreiten und Menschen zu Jüngern zu machen. Dieser Auftrag gilt bis heute. Doch Zeiten ändern sich und mit ihnen die Herausforderungen, denen wir in der Evangelisation gegenüberstehen. Die zentrale Frage lautet also: Wie kann Evangelisation heute gelingen?
In der langjährigen Geschichte unseres Missionswerkes hat uns diese Frage stets begleitet. Sie war ausschlaggebend für neue Konzepte und auch unkonventionelle Ideen – immer mit dem Ziel vor Augen, die gute Botschaft von Jesus Christus zu den Menschen zu bringen. So auch jetzt. Wir haben uns gefragt: Was braucht es, damit Evangelisation im 21. Jahrhundert Früchte trägt?
Wir haben mit anderen Experten, Pastoren, Theologen und Leitern bibeltreuer Werke über dieses Thema gesprochen, zum Beispiel mit Philipp Bartholomä, Professor für Pastoraltheologie an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen. Und das sind unsere Ergebnisse:
Evangelisation bedeutet, die gute Nachricht von Jesus Christus – das Evangelium – bekannt zu machen, damit Menschen zu Jesus umkehren und in einer persönlichen Beziehung zu ihm Vergebung ihrer Schuld und ewiges Leben finden. Evangelisation ist Teil der weltweiten Mission, die auf den Missionsbefehl in Matthäus 28,19 zurückgeht. Die Verkündigung vor Ort wird dabei meist als „Evangelisation“ bezeichnet, während unter „Mission“ eher das Senden von Missionaren in andere Kulturen verstanden wird.
Seit der frühen Kirche, beginnend mit der Pfingstpredigt des Petrus, verbreitete sich das Evangelium durch Zeugnis, Predigt und Gemeindegründung. Später führten teils düstere Kapitel der Kirchengeschichte zu verschiedenen Reformations- und Erweckungsbewegungen in Europa. Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts kamen viele Menschen durch weltweite Evangelisationsveranstaltungen und Radiopredigten bekannter Prediger, wie die des US-Amerikaners Billy Graham, zum Glauben.
Heutzutage gewinnt die persönliche Evangelisation zunehmend an Bedeutung. Dabei wird ein evangelistischer Lebensstil angestrebt, bei dem das Evangelium in privaten Beziehungen weitergegeben wird. Dieser Ansatz wird auch als „Freundschaftsevangelisation“ oder „Alltagsmission“ bezeichnet.
Diese Frage so direkt zu stellen, mag zunächst absurd wirken. Das Evangelium hat schließlich nicht an Kraft verloren. Aber die Gesellschaft hat sich verändert und tut es stetig weiter, in rasantem Tempo. Eine Tatsache, die Gemeinden, Missionswerke und jeden Einzelnen, der Jesus nachfolgen will, herausfordert – und entmutigen kann.
Einerseits ist die Sehnsucht groß, dass Menschen Jesus Christus als ihren Herrn annehmen. Andererseits scheinen bewährte Formen der Evangelisation ihre Wirkung zu verlieren. Die Zeit großer Evangelisationen, wie ProChrist und JesusHouse, ist vorbei. Es ist herausfordernder geworden, mit Büchertischen und Straßenevangelisation Menschen zu erreichen: In Zeiten von Social Media und Multimedialität bringen nur wenige Offenheit für spontane Begegnungen mit Fremden mit.
Wie also steht es um Evangelisation und Mission im deutschsprachigen Raum? Sitzen wir auf verlorenem Posten? Müssen wir uns abfinden mit einer Verkündigung, die heute ungleich schwerer geworden ist? Oder gibt es Wege – andere Formen, Sichtweisen, Chancen –, die wir ergreifen können, um unsere Mitmenschen mit dem Evangelium zu erreichen?
Vor gut 90 Jahren hat diese Frage den Gründer unserer Stiftung, Werner Heukelbach, dazu gebracht, für die damalige Zeit innovative und frische Formen der Evangelisation zu entwickeln. Durchaus spektakulär schrieb er „Gerade du brauchst Jesus“ mit Hilfe eines Flugzeugs in den Himmel, das ein Banner mit dieser Aufschrift hinter sich herzog.
Zahlreiche Produkte und Angebote des 1937 gegründeten Werkes, wie z. B. Flyer und Radiosendungen, waren (und sind bis heute) kostenfrei erhältlich, sodass einzelne Christen und christliche Gemeinden sie dankbar annahmen und im gesamten deutschsprachigen Raum millionenfach unter Nichtchristen verteilten. So hatte das Missionswerk über Jahrzehnte hinweg einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass viele Menschen Jesus Christus durch Zeltevangelisationen, Straßeneinsätze und Schriften persönlich kennenlernten.
Auch jetzt pflegen wir einen hoffnungsvollen Realismus: Evangelisation ist auch im 21. Jahrhundert möglich, sofern wir bereit sind, hinzuschauen und zu lernen, worin die Herausforderungen genau bestehen und was nötig ist, um sie zu überwinden.
Wichtig ist, dass die Betrachtung nicht bei der resignativen Erkenntnis stehen bleibt, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Die lösungsorientierte Frage muss vielmehr lauten: Wie hat sie sich verändert und wie können wir als Gemeinden darauf reagieren? Wie kann ich als einzelner Christ lernen, meinem Mitmenschen so zu begegnen, dass er durch mich Interesse am Glauben entwickelt?
In ihrem Buch Gemeinde mit Mission beschreiben Philipp Bartholomä und Stefan Schweyer die Gesellschaft als „nachchristentümlich“. Damit ist die grundsätzliche Problematik traditioneller Evangelisationsbemühungen gut beschrieben.
Sosehr der christliche Glaube mit seinen zentralen Inhalten und Überzeugungen aus der allgemeinen Wahrnehmung und dem öffentlichen Leben verschwunden ist – das Christentum ist (noch) nicht komplett abgeschafft und durch andere Weltanschauungen ersetzt worden. Unsere Kultur jedoch stützt den christlichen Glauben nicht mehr. Trotzdem sind historische Verbindungen zum Christentum noch auffindbar. Unsere Gesellschaft ist „nachchristentümlich“.
Dabei können die Gründe, weshalb Menschen unzugänglich für den christlichen Glauben sind, vielfältig sein. Einige Zeitgenossen lehnen den christlichen Glauben sehr bewusst ab. Sie begründen ihre Ablehnung häufig mit den zahlreichen Kirchenskandalen der letzten Jahre oder sehen unüberbrückbare Diskrepanzen zwischen eigenen, vor allem ethischen Überzeugungen und dem, wofür das Christentum steht, z. B. in Fragen der Sexualmoral, der Geschlechterrollen oder beim Thema Abtreibung. Insbesondere der Absolutheitsanspruch des Christentums ist für sie nicht hinnehmbar.
Ein Großteil der Menschen in unserer säkularisierten Gesellschaft steht dem christlichen Glauben nicht einmal feindselig gegenüber, sondern schlichtweg desinteressiert.
Unglaube ist inzwischen eher eine „kulturelle Stimmung“ als eine bewusste Überzeugung. Der Glaube gilt als veraltet und überholt, als Ammenmärchen für Menschen, die es nicht besser wissen oder Trost in schweren Zeiten brauchen. Unglaube dagegen gilt als modern, emanzipiert und reif. Wissenschaft und Glaube hält man für unvereinbar.
Dabei gibt es durchaus Argumente für den Glauben, die auch wissenschaftlichen Prinzipien standhalten, wie die Internetseite darumostern.de zeigt. Doch in den Augen vieler ist bereits die Auseinandersetzung mit diesen Argumenten unnötig. Sie haben die vage Vorstellung, dass die Wissenschaft den christlichen Glauben in früheren Zeiten bereits widerlegt hat. Daher besteht kein Interesse mehr, sich inhaltlich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Oberflächlicher Atheismus und Ablehnung des Glaubens brauchen längst keine Rechtfertigung mehr. Sie sind zur gesellschaftlich akzeptierten Normalität geworden.
Gleichzeitig wird das, was man für den eigentlichen christlichen Glaubensinhalt hält, immer kleiner und bedeutungsloser. Hier spielt schlichte Unkenntnis eine große Rolle, aber auch der Einfluss der liberalen Theologie, deren Verkündigung den Glauben zunehmend auf wenige und stets aktualisierungsbedürftige ethische Grundsätze reduziert. Diese ethischen Ansprüche werden ohne erkennbare Autorität vorgetragen, stehen oft im Widerspruch zu eigenen Überzeugungen und wirken lebensfremd. Treffen sie dennoch auf Zustimmung, versteht man sie so, dass sie „auch ohne Gott erreichbar“ sind. Die Menschen erkennen weder in den intellektuellen noch in den theologischen Argumentationen zum christlichen Glauben eine Relevanz für ihr eigenes Leben.
So verwundert es nicht, dass viele unserer Evangelisationsbemühungen ins Leere laufen. Dabei gibt es durchaus Interesse an Fragen der gelungenen Lebensführung, und überall werden authentische Vorbilder dafür gesucht. Zudem sind wir längst in der Postmoderne angekommen: Das grundsätzliche Vertrauen auf sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse hat tiefe Risse bekommen, und vermehrt tritt eine emotionale Offenheit für Übernatürliches an seine Stelle.
Unsere Gesellschaft ist also nicht grundsätzlich desinteressiert an geistlichen Fragestellungen. Tatsächlich ist die Suche nach dem Übernatürlichen mindestens genauso stark wie früher, möglicherweise sogar noch stärker geworden. Säkulare Werte und Systeme versprechen zwar Befriedigung von Bedürfnissen, Erfüllung von Sehnsüchten und echte Freiheit. Doch wird unseren Mitmenschen zunehmend bewusst, dass materielle, diesseitige Dinge diese Versprechen nicht einlösen. Die Suche nach einem transzendentalen Sinn des Lebens, nach persönlichem Frieden und Erfüllung ist geblieben. Allerdings führen diese Fragen selten in christliche Kirchen und Freikirchen – der christliche Glaube wird kaum als Antwort in Betracht gezogen. Stattdessen erfahren Esoterik, Buddhismus und New Age starken Zulauf.
Die „nachchristentümliche“ Gesellschaft ist zugleich eine postmoderne. Der Pluralismus der Meinungen und Erkenntnisse, die alle nebeneinander stehen bleiben sollen, sorgt nicht nur für Verwirrung – er erschwert auch den Zugang zum Evangelium. Das Evangelium mit seinem exklusiven Absolutheitsanspruch passt nicht zur postmodernen Vorgabe, dass alles zu tolerieren und die Wahrheit relativ sei. Das Christentum und damit verbundene Bekehrungsabsichten gelten allgemein als intolerant und unnötig eingrenzend. Hinter der gewohnheitsmäßigen Ablehnung eindeutiger Antworten auf Wahrheitsfragen steht jedoch keine tiefgründige Überzeugung.
Die Unterordnung unter den Willen Gottes widerspricht in ihren Augen zu sehr ihrem Verständnis von Freiheit und damit der Selbstentfaltung nach eigenen Maßstäben.
Einerseits begegnet man also den Fakten des Glaubens mit großer Skepsis. Andererseits ist man in vielen anderen Bereichen schon lange nicht mehr nur für „rein wissenschaftliche“ Fakten offen. Angesichts vieler „paralleler Wahrheiten“ herrscht allgemeine Orientierungslosigkeit. Die Chancen stehen eigentlich nicht schlecht, dass ein authentischer Glaube von Christen, der seine Alltagsnähe beweist, Wirkung zeigt. Wie begegnen Gemeinden diesen Schwierigkeiten und Chancen? Haben sie Konzepte, die dieser Entfremdung vom Evangelium begegnen?
Das Evangelium braucht keine „christentümliche“ Gesellschaft, um sich wirksam zu entfalten. Das Urchristentum hat sich in einer Zeit fast explosionsartig ausgebreitet, die wirklich nicht „christentümlich“ war. Und auch heute noch wächst das Christentum teilweise in Kulturkreisen am stärksten, in denen Christen verfolgt werden.
Das Problem liegt möglicherweise eher im Denken vieler Christen hierzulande. Während auf der einen Seite die Abkehr vom „Christentümlichen" als allgemeine Verweltlichung wahrgenommen und beklagt wird, trägt man dem auf der anderen Seite in der Evangelisation zu wenig oder gar nicht Rechnung.
In einer „christentümlichen“ Gesellschaft mag es angemessen gewesen sein, zu evangelistischen Großveranstaltungen einzuladen. Menschen nahmen bei Straßeneinsätzen Traktate entgegen und lasen sie. In die Kirche oder den Gemeindesaal zu gehen, war üblich. Selbst kirchenferne Menschen fanden leicht Anschluss an den christlichen Glauben. Jedoch waren auch schon vor einem halben Jahrhundert diejenigen, die zum echten Glauben an Jesus Christus fanden, in der Mehrzahl zuvor mindestens Namenschristen. Die Bekehrungen vergangener Zeiten geschahen überwiegend aus der „Erweckung“ bzw. Vertiefung bereits vorhandener christlicher Tendenzen heraus.
Durch die Auflösung der einstmals engen Verbindung zwischen christlichem Glauben und Kultur bzw. Gesellschaft sind jedoch die Anknüpfungspunkte verloren gegangen. Regelmäßige Gottesdienstbesuche und die Teilnahme am kirchlichen Leben sind längst zur Ausnahme geworden. Auch das generelle Verständnis christlicher Werte und Lehren ist größtenteils verschwunden. Immer mehr Mitbürger wissen von Jesus nur noch, dass er vor langer Zeit in Israel gelebt hat.
Studien zeigen, dass freikirchliche Gemeinden im Unterschied zu den Großkirchen zwar teilweise noch wachsen, aber nur ein geringer Teil davon ist auf die Bekehrung kirchenferner Menschen zurückzuführen. Die größeren Zahlen in der Gemeindestatistik lassen sich hauptsächlich auf Zusammenschlüsse unabhängiger kleinerer Gemeinden zurückführen oder auf Zulauf von anderen freikirchlichen Gemeinschaften und Kirchen, auch durch Migration.
Die Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus finden, waren zu einem Drittel bereits freikirchlich geprägt – meistens durch mindestens ein Elternteil. Den Daten von Bartholomä/Schweyer zufolge hatten nur 8 % der „Neugläubigen“ vorher keinerlei Bezug zu einer der Großkirchen oder Freikirchen.
Sicher ist auch das Leben der Christen in ihren jeweiligen Gemeinschaften und regionalen Bedingungen zu verschieden und zu sehr von einzelnen Persönlichkeiten abhängig, um allgemeingültig von „den Christen“ sprechen zu können.
Dennoch haben unsere Umfragen und Erfahrungen grundsätzlich ein eher düster gefärbtes Bild ergeben. Neben durchaus positiven Beispielen drängt sich der Eindruck auf, dass es um die Evangelisation im deutschsprachigen Raum nicht gut steht. Doch was könnten neben gesellschaftlichen Veränderungen weitere Ursachen sein?
In unseren Umfragen und Gesprächen zeigte sich, dass Evangelisation für viele Gemeinden eher eine untergeordnete Rolle auf der Agenda einnimmt. Evangelisation mag in der Theorie als wesentlich für die Daseinsberechtigung der Gemeinde in dieser Welt angesehen werden – in der Praxis ist sie es nicht. Die Gemeinden zeigen eine starke Tendenz, auf sich selbst konzentriert zu sein.
Die Gestaltung der Gemeindeveranstaltungen, die internen Gemeindevorgänge, Schulungen, Jüngerschaft und Administration beanspruchen so viel Kapazität, dass Evangelisation an den Rand gedrängt wird. Sehr vereinzelte Höhepunkte werden geschaffen, um das Gewissen zu entlasten. Viele Gemeindeverantwortliche fühlen sich überfordert und haben weder Zeit noch Kraft, die Gemeinde zur Mission im Alltag zu motivieren und zuzurüsten.
Initiativen zur Evangelisation werden in vielen Gemeinden lediglich von einzelnen Personen oder Kleingruppen getragen. Eher selten – so unser starker Eindruck – ist Evangelisation ein gemeinsam getragenes und kontinuierlich umgesetztes Anliegen.
Viele Christen und Gemeinden scheinen angesichts des beschriebenen Gesellschaftswandels zu resignieren. Sie kapitulieren vor dem durch Pluralismus und Liberalismus geprägten allgemeinen Verständnis, dass Glaube Privatsache sei. Die Annahme der Doktrin, man dürfe niemanden mit seinen eigenen Überzeugungen bedrängen, hat zu einer Gleichgültigkeit gegenüber der Verlorenheit der Menschen geführt. Christen haben das Interesse an Evangelisation verloren.
In den Gemeinden wird zudem über eine weitverbreitete Konsumentenhaltung geklagt. Viele Christen gehen zum Gottesdienst, genießen den einen oder anderen positiven Aspekt der Gemeinschaft und ziehen sich dann wieder in ihr privates Glück zurück. Das führt zum einen zu einer kleinen Zahl völlig überlasteter Aktiver und zum anderen zu einer überwiegend lethargischen Masse. Nur eine Minderheit ist von der Größe und Schönheit des Evangeliums so durchdrungen, dass es sie zum Tätigwerden bewegt.
Schließlich sind Christen nicht selten der Auffassung, dass Evangelisation etwas für Spezialisten sei. Dafür habe man einzelne besonders begabte Christen, die öffentliche Vorträge und Ansprachen halten können oder eine besondere Ausstrahlung im persönlichen Auftreten haben und möglichst schnell und geschickt mit Außenstehenden über den Glauben ins Gespräch kommen. Führt dabei die Selbstbetrachtung zu dem Ergebnis, dass man sich dieser Elite nicht zugehörig fühlt, tendiert das persönliche Interesse an Evangelisation gegen Null.
Dennoch gibt es sie in fast jeder Gemeinde: die engagierten, motivierten Christen, die ihrem Auftrag, Botschafter zu sein, gern nachkommen. Doch auch bei ihnen ist eine gewisse Verunsicherung zu erkennen.
• Sprachfähigkeit: die Bereitschaft, sich mit dem Nichtchristen über Inhalte des Glaubens auf natürliche Weise auszutauschen, den eigenen Glauben auf verständliche und einladende Weise weiterzugeben und dabei auch auf schwierige Fragen angemessen reagieren zu können.
• Beziehungsfähigkeit: die soziale Kompetenz, Beziehungen mit Fernstehenden aufzubauen und dabei einerseits vom Evangelisationswunsch motiviert zu sein, andererseits aber das Gegenüber nicht als Evangelisationsobjekt zu missbrauchen. Es geht darum, tiefe und echte Beziehungen anzustreben, in denen der Glaube authentisch vorgelebt wird und sich auf natürliche Art und Weise Anknüpfungspunkte für Aspekte des Evangeliums ergeben.
• Evangeliumsverständnis: Häufig ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Inhalten des Evangeliums, mit dem Kern des Glaubens, erforderlich. Nur dann kann es in allen seinen Facetten einem „nachchristentümlichen“ Gegenüber verständlich vermittelt werden. Dabei darf der theoretische Austausch über Evangelisation nicht zur Ersatzhandlung für die Evangelisation selbst werden.
Ziehen wir also ein Resümee: Was braucht es, damit mehr Menschen eine lebensverändernde Beziehung zu Jesus Christus beginnen? Wir müssen die Bedürfnisse unserer Mitmenschen kennen, um in angemessener Weise mit dem Evangelium darauf reagieren zu können – als Gemeinden und als einzelner Christ in persönlichen Beziehungen.
Die großen Fragen des Lebens werden nicht dadurch beantwortet, dass man sie für irrelevant hält, so wie es in einer „nachchristentümlichen“ Gesellschaft vielfach passiert. Menschen empfinden darüber Unbehagen und eine nagende Unzufriedenheit. Denn die säkulare Gottlosigkeit hinterlässt ein Vakuum, das die Menschen durchaus selbst spüren, auch wenn sie sich dessen nicht vollumfänglich bewusst sind.
Offensichtlich kann man die großen Lebensfragen zwar zeitweise beiseiteschieben, aber solange wir keine Antwort haben, drängen sie sich immer wieder ins Bewusstsein. Daniel Strange kategorisiert diese Fragen in seinem Buch Wenn Glaube magnetisch wird folgendermaßen:
1. Das große Ganze: „Wer bin ich darin und wie kann ich dazugehören?“
2. Norm: „Wie soll ich leben, was ist die Kunst richtiger Lebensführung?“
3. Befreiung: „Gibt es einen Ausweg für mich?“
4. Schicksal: „Kann ich es irgendwie positiv beeinflussen oder besser: beherrschen?“
5. Höhere Macht: „Gibt es über das Leben hinaus etwas?“
Wer darauf keine Antworten hat, sucht sie: „Die Deutschen glauben zwar immer weniger, suchen aber immer mehr.“[1] Die Suche treibt die Menschen ins Esoterik-Milieu oder in die unterschiedlichsten Formen einer selbst gebastelten Pseudo-Religiosität mit Versatzstücken vom spirituellen Markt der Möglichkeiten. Andere gehen den Weg der „sakralen Säkularität“, machen Sport, Musik, Ernährung, Medien, moderne Helden und anderes zu einer Ersatzreligion. Hier könnten Christen nachfragen, welchen Weg die Suchenden eingeschlagen haben und ob ihre spirituelle Sehnsucht tatsächlich gestillt ist. Oft stellt sich nämlich das Gefühl ein, „noch nicht am Ziel angekommen zu sein“.
[1] Bartholomä/Schweyer, S. 103.
Welche tief im Menschsein verankerten Sehnsüchte sind es, nach deren Befriedigung unsere Zeitgenossen in einer neu entdeckten Spiritualität vergeblich suchen? Bartholomä/Schweyer nennen Sehnsucht nach erfülltem Leben, nach Freiheit, nach Ich-Entfaltung und nach einem friedlichen Zusammenleben[1] – und sind damit den fünf „magnetischen Punkten“ von Daniel Strange sehr nahe.
[1] s. Bartholomä/Schweyer, S.108.
Ihre Sehnsucht gilt zudem einer tragfähigen eigenen Identität und sie möchten diese Authentizität auch in anderen erleben. Sie erkennen, dass es ohne Moral nicht geht, und sehnen sich nach einer Welt, in der moralische Maßstäbe tatsächlich umgesetzt werden.
Vielen Suchenden wird aufgegangen sein, dass sich Authentizität in der Scheinwelt von Social Media schwerlich finden lässt. Die Problematik der Einsamkeit nimmt trotz oder gerade wegen Globalisierung und Social Media zu. Ungeachtet aller Fern- und Online-Beziehungen und angesichts von sexualisierten, kurzzeitigen und unverbindlichen Beziehungen bleibt die Sehnsucht nach echten Beziehungen bestehen. Durch die Förderung des Individualismus und des Self-Care-Movements werden Beziehungen immer häufiger zu Konsumbeziehungen („Liebe ist, was mir guttut“, „Ich darf leben, wie ich will, und du musst es unterstützen – oder gehen“) oder gar toxischen Beziehungen.
In der nachdrücklichen Suche unserer Mitmenschen, in ihrer sehnsüchtigen Ruhelosigkeit, finden wir missionarische Anknüpfungspunkte, die es zu nutzen gilt.
Zunächst behutsam: Wir müssen den niedrigen „geistlichen Grundwasserspiegel“ identifizieren und berücksichtigen.
Natürlich sind Menschen zum einen unterschiedlich weit von dem Punkt entfernt, umzukehren und ein neues Leben mit Gott zu beginnen. Dieser Tatsache trägt unter anderem die sogenannte Engelskala Rechnung. Die Engelskala ist ein Konzept von James F. Engel, das auf einer Skala von Minus bis Plus darstellt, wo Menschen in Bezug auf Gott stehen können. Die Stufe -8 beispielsweise steht für den weit entfernten Atheisten, Stufe 0 bezeichnet den Punkt der Bekehrung und Stufe +4 repräsentiert den reifen Christen. Dabei lässt sich in unserer „nachchristentümlichen“ Gesellschaft aber zum anderen feststellen, dass die meisten Menschen weiter von diesem Punkt entfernt sind als zu früheren „Erweckungszeiten“.
Eine reine Informationsweitergabe also, die ein gewisses Vorwissen voraussetzt, wird nicht helfen. Demnach ist das ausgemachte Ziel, einem Bekannten in nur einem Gespräch das Evangelium zu erklären und ihn zu einer Entscheidung für ein Leben mit Christus zu führen, in der Regel nicht zielführend. Vielmehr geht es darum, einen Prozess anzustoßen und zu begleiten, den wir den „Weg der kleinen Schritte“ nennen.
Die Wunschvorstellung mancher Christen, ein kleiner Impuls möge ausreichen, um Scharen für das Evangelium zu gewinnen, scheint derzeit wenig realistisch.
Großes Potenzial liegt hingegen in einer Art der Evangelisation, die auch unter dem Begriff „Freundschafts-“ oder „Beziehungsevangelisation“ bekannt ist. Wir wählen dafür den Terminus „Alltagsmission“, weil er neben der Art und Weise der Evangelisation auch das Bewusstsein der eigenen Berufung zur Evangelisation einschließt.
Alltag erlebt jeder Christ, ganz gleich, welche Begabung, welche Reife und welche speziellen Dienstanweisungen er hat. Alltagsmissionar zu sein, bedeutet, einem gewissen Lebensstil zu folgen: einem Lebensstil, der darauf abzielt, Beziehungen zu Nichtchristen zu pflegen, den Nächsten in seiner Lebenswelt zu verstehen und daran verständlich mit dem Evangelium anzuknüpfen. Dieser Lebensstil wurzelt in einer tiefen Gebetsbeziehung, die uns für Gottes Wirken in unserem Umfeld sensibilisiert und uns Weisheit für unsere Begegnungen schenkt.
Alltagsmission setzt auf einen kleinschrittigen Prozess, in dem hingegebene Christen einen Suchenden zugleich geduldig und zielbewusst auf seinem Weg zu Jesus Christus begleiten. Dabei werden die Überzeugungen des Gegenübers kennengelernt, verstanden und Glaubenshindernisse nach und nach aus dem Weg geräumt, bis schließlich eine Entscheidung für Jesus getroffen werden kann. Dann aber wird die Person nicht fallen gelassen – ebenso wenig, wenn sich unterwegs nichts zu tun scheint und keine sichtbaren Schritte erkennbar sind. Denn es geht um Beziehungen, die nicht vorgetäuscht werden, sondern echt und von der Liebe zu unseren Mitmenschen geprägt sind.
In der Bibel ist das allmähliche Entstehen der Frucht, die wir uns alle so sehr wünschen, eine häufig gebrauchte Metapher (s. z. B. 1. Korinther 3,6), die wir uns zu eigen machen können. Dabei dürfen Christen zeigen, „dass der christliche Glaube emotional wie kulturell am meisten Sinn ergibt, dass er die großen Lebensthemen am treffendsten erklärt und dass er unübertroffene Ressourcen bietet, um diesen unweigerlichen menschlichen Bedürfnissen zu begegnen“.
Christen müssen also in der Lage sein, aus unverbindlichen Gesprächen einfühlsam auf grundlegende Themen wie Sinn, Gerechtigkeit oder Tod zu kommen. Sie müssen den Nächsten mit dem Evangelium einladen können, gängige Weltanschauungen zu hinterfragen. Dabei sollten wir darauf gefasst sein, dass Worte allein nicht ausreichen. Das Leben der Gläubigen wird zunehmend unter die Lupe genommen und auf seine Glaubwürdigkeit hin geprüft. Überzeugend wirkt, was als authentischer Glaube wahrgenommen wird.
Wenn Evangelisation im 21. Jahrhundert nicht nur Theorie und allenfalls frustrierende Praxis sein soll, braucht es in unseren Gemeinden eine Kultur des Kommens und Gehens.
„Kommen“ in dem Sinn, dass die Gemeindekultur einladend sein muss. Gottesdienste und Angebote der Gemeinde müssen zwar nicht besucherspezifisch sein – was immer die Gefahr eines um sich greifenden Liberalismus mit sich bringt –, sollten aber besuchersensibel gestaltet sein. Vor allem Gastfreundschaft spielt hierbei eine große Rolle, aber auch Sprache und Form, in denen geistliche Inhalte vermittelt werden.
Gleichzeitig braucht es eine Kultur des Gehens, sich aktiv dorthin zu bewegen, wo Menschen sind, die Jesus Christus noch nicht kennen. Dabei hat jeder von uns seine eigene „Szene“, sei es eine tatsächliche Kunst- oder Musikszene oder aber der Arbeitsplatz, die Nachbarschaft, ein Verein oder die eigene Verwandtschaft.
Wenn Christen zum Thema Evangelisation allerdings eine eher resignative und passive Haltung einnehmen, benötigen sie Unterstützung. Die Liebe Gottes und die Verlorenheit der Menschen muss sie erst wieder dazu bewegen, die Inhalte ihres Glaubens mit Leidenschaft verständlich und überzeugend weiterzugeben. Dabei darf Evangelisation nicht mehr als ein einzelnes Event verstanden werden. Dienst am Evangelium darf auch nicht von besonderer Begabung oder Berufung abhängig gemacht werden. Evangelisation muss als ein Lebensstil verstanden werden, den jeder einzelne Christ authentisch vor- und auslebt. Diese Prinzipien sind nicht neu – sie sind mindestens so alt wie das Neue Testament –, aber sie müssen wieder neu und verstärkt betont werden.
Nur so wird es leicht sein, Offenheit gegenüber neuen Arten von Evangelisation zu entwickeln. Wir bleiben dann nicht an gewohnten und vielleicht bequem gewordenen Formaten der „Verkündigung“ hängen. Wir suchen nach neuen, angemessenen Formen, probieren sie aus und etablieren sie. Ein frisches Evangelisationsverständnis wird uns mit neuer Freude erfüllen.
In unseren Begegnungen mit Gemeinden und Christen haben wir verschiedene Beobachtungen zum Thema Gebet in der Alltagsmission gemacht. Oft scheinen Gebetsveranstaltungen weniger Zuspruch zu finden als andere Gemeindeangebote. Das gezielte Gebet für Menschen, die Jesus noch nicht kennen, kommt häufig zu kurz. Zudem bemerken wir, dass viele Christen unsicher sind, wie sie konkret und wirkungsvoll für ihre Rolle in der Alltagsmission und für die Menschen in ihrem Umfeld beten können.
Gebet verbindet uns mit unserem Auftraggeber, Jesus Christus, und öffnet uns für Gottes Führung in unseren missionarischen Bemühungen.
Als Stiftung Heukelbach sehen wir unsere Aufgabe darin, Gemeinden und einzelne Christen in diesem Bereich zu unterstützen. Unsere Missionsberater stehen als Berater zur Verfügung, um Gemeinden zu ermutigen und praktische Anregungen für eine lebendige Gebetspraxis in der Alltagsmission zu geben.
Gebet verändert nicht nur Situationen und Menschen, für die gebetet wird, sondern auch den Betenden selbst. Es schärft den Blick für die geistlichen Bedürfnisse des Umfelds und macht sensibel für Gelegenheiten, die Gott schenkt.
Durch unsere Unterstützung möchten wir Christen ermutigen, Gottes Wirken in ihrem Umfeld zu erkennen und daran teilzuhaben. Wir sind überzeugt, dass Gebet ein Schlüssel ist, der uns für dieses Wirken öffnet und uns befähigt, authentisch und wirkungsvoll als Zeugen Christi zu leben.
Wir glauben, dass eine lebendige Gebetskultur ein wesentlicher Baustein für eine effektive Evangelisation im 21. Jahrhundert ist.
Als Christen und als Team der Stiftung Heukelbach wissen wir, dass es nichts Wichtigeres und Besseres gibt als ein auf Gott ausgerichtetes Leben. Er ruft Menschen in die Gemeinschaft mit sich, rettet und verändert sie. Auch uns hat Gottes Liebe persönlich erreicht, ergriffen, begnadigt und gerettet. Sie ist unser Ansporn, Menschen auch weiterhin mit dem Evangelium bekannt zu machen, wie es der Gründer unseres Werkes, Werner Heukelbach, einst tat.
Aufgrund der Veränderungen in der Gesellschaft und in Gemeinden haben wir uns zu einer Neuausrichtung entschieden. Unseren bisherigen Schwerpunkt, möglichst massentaugliche Angebote für Nichtchristen anzubieten, verlagern wir auf die Zu- und Ausrüstung von Christen für die Evangelisation.
Dabei verlieren wir die Fernstehenden nicht aus den Augen, möchten sie aber gewissermaßen durch die Brille von Alltagsmissionaren, die unsere Vision teilen, sehen und erreichen. Wir verstehen uns als Ausrüster und Mentor von Christen und Gemeinden in ihrer Alltagsmission. Auf diese Weise setzen wir uns weiterhin dafür ein, dass Menschen erkennen, wer Jesus Christus ist, was er für sie getan hat und wie sie ein Leben zu seiner Ehre leben können.
[1] Bartholomä/Schweyer, S. 103.
[2] s. Bartholomä/Schweyer, S.108.
[3] Zitat Timothy Keller, aus Bartholomä/Schweyer, S. 109.
Mit wem hast du in deinem Alltag zu tun?
grow ist ein modulares, multimediales Schulungsangebot für dich und deine Gemeinde.
Jetzt loslegen!
Christen erzählen, wie sie in ihren Alltagswelten persönliche Evangelisation leben.
Jetzt Podcast hören!
Interviews, Artikel und Ressourcen rüsten dich für deine Alltagsmission aus.
Zum Shop
In unserem Shop findest du kostenfreie Produkte, die für deine Alltagswelt relevant sind.
Zum Shop
Verstehe, wie die Gesellschaft tickt. Lerne besser zu kommunizieren. Probiere Neues aus.
Zum Blog
Das evangelistische Seniorenmagazin zum Weitergeben: authentisch, lesenswert, unterhaltsam.
Das Hörspiel für Grundschulkinder. Mit der Crew erleben Kinder spannende Abenteuer und lernen dabei Jesus kennen.
Ist Jesus wirklich auferstanden? Historische Indizien – kurzweilig und verständlich aufbereitet.
Weiter auf DarumOstern.deSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Mailchimp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen