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Warum glauben viele Christen nicht mehr so wie früher?
Meine Freundin Lina wuchs als Kind von Christen auf. Von Anfang an war sie automatisch Teil ihrer freikirchlich-evangelischen Gemeinde und entschied sich schon früh für Jesus. Während ihres Studiums in einer anderen Stadt schloss sie sich einer jungen, lebendigen Gemeinde vor Ort an und leitete dort nach einigen Jahren die Teenagergruppe sowie eins der Musikteams. In vielen Gebetstreffen beteten wir gemeinsam inbrünstig darum, dass Gott Menschen zu sich ziehen möge, uns Jesus ähnlicher machen und uns für sein Reich gebrauchen möge.
Heute sieht das anders aus.
Lina geht nur noch selten in die Gottesdienste. Beten fällt ihr schwerer als früher. Zwei Grundpfeiler des christlichen Glaubens sind für sie keine selbstverständlichen Annahmen mehr: Sie hinterfragt den stellvertretenden Sühnetod von Jesus und die Bibel als zuverlässige Quelle für Gottes Worte. Ihre Eigenschaft, tiefe Fragen zu stellen und sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben, hat sie auf eine Reise geschickt, deren Ende sie selbst noch nicht absehen kann. Ich habe sie immer als vertrauensvolle Zweiflerin wahrgenommen. Doch während sie nach Hintergründen ihres christlichen Glaubens forschte, litt ihr Vertrauen in das, was sie gelernt und immer geglaubt hatte.
Hast du auch Freunde oder Bekannte, bei denen es so scheint? Sie haben im Lauf der Zeit Aspekte ihres Glaubens hinterfragt und sich von Überzeugungen gelöst, die ihnen nicht mehr plausibel oder zeitgemäß erscheinen. Dabei sind viele in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und haben einmal eine bewusste Entscheidung für Jesus getroffen.
Wie kommt das? Und warum sind es so viele? Es ist ein Phänomen, das in der christlichen Sphäre immer häufiger auftritt. Viele junge Menschen verlieren ihr Vertrauen in die Bibel als zuverlässige Wahrheit. Sie hinterfragen Glaubensgrundsätze radikal, wenden sich von einem biblischen Lebensstil ab oder geben ihren Glauben ganz auf.
Die Gründe liegen oft verborgen in der geistlichen Dimension und in der persönlichen Beziehung zwischen Mensch und Gott. Die Gründe sind außerdem eng mit der Lebensgeschichte verbunden, vielfältig und komplex. Wir können diese Entwicklung nicht in jedem Fall beeinflussen oder verhindern. Aber wir Eltern spielen hier eine wichtige Rolle, der wir uns stellen sollten – mit viel Vertrauen in Gottes Kraft und Güte.
Daher zuallererst: Es ist ein geistlicher Kampf, also brauchen wir geistliches Werkzeug. Beten wir deshalb regelmäßig für den Glauben unserer Kinder! Denn nur Gott kann Glaube schenken und erhalten. Vielleicht betest du ohnehin in der Woche regelmäßig für verschiedene Themen – es lohnt sich, den Glauben deiner Kinder zu einem wichtigen Element in dieser Routine zu machen. Ansonsten gibt es sicher einen anderen Weg, dich daran zu erinnern. Vielleicht hilft dir ein Gebetsjournal. Darin kannst du deine Anliegen und die Veränderungen festhalten, die Gott bewirkt.

Schlüssel für einen starken, mündigen Glauben
Neben Beten können wir einige weitere Dinge dafür tun, um den Glauben unserer Kinder zu festigen. Dabei geht es nicht nur um „fest“, sondern auch um „mündig“. Denn „mündig“ bedeutet selbstständig, reif, eigenverantwortlich (wie Paulus es auch in Epheser 4,13.14 als Ziel formuliert). Ich wünsche mir, dass meine Kinder lernen, auch unabhängig von mir ihren Glauben zu leben. Dass sie selbst in der Bibel forschen, Gott selbst wahrnehmen und verstehen lernen. Dass ihr Glaube sich weiterentwickelt, wenn sie erwachsen sind, weil sie darin nicht mehr von mir abhängig sind. Ein eigenständiger Glaube „steht“ quasi aufgrund von „eigener“ Motivation und eigenem Interesse. Dadurch ist er stark und entwicklungsfähig.
Ich möchte nun auf fünf verbreitete Gründe eingehen, aus denen junge Christen Aspekte ihres Glaubens verlieren und praktische Impulse geben, dem vorzubeugen. Der Weg zu einem starken, mündigen Glauben unserer Kinder führt unter anderem über folgende fünf Schlüssel:
Schlüssel 1: Liebe und Vorbild
Gefahr: Mangelhaftes Vorbild, Undurchsichtigkeit unseres Glaubens
Die Beziehung zu unseren Kindern ist das Vehikel, auf dem wir den Glauben an sie vermitteln. Wenn die Wege gut sind und das Vehikel stabil ist, haben wir menschlich gesehen gute Chancen, dass unsere Kinder den Glauben an Jesus für sich annehmen. Ebenso gilt der umgekehrte Fall. Vielleicht ist die Beziehung zu unseren Kindern eher schwierig, von viel Kritik, häufigen Konflikten und wenig Vertrauen geprägt. Dann ist es leider – rein menschlich betrachtet – auch schwieriger für unsere Kinder, unseren Glauben als das Richtige für sich selbst anzunehmen. Das hat mit dem urmenschlichen Prinzip der Nachahmung zu tun. Durch Beobachten und Nachahmen lernen wir von Anfang an von unseren Bezugspersonen, was wir als Menschen wissen und können müssen. Und besonders von der Beziehung zu diesen Bezugspersonen hängt ab, was und wie wir es lernen.
Daher sollten wir auch bedenken: Wenn unsere Kinder nichts davon sehen oder hören, wie wir Nachfolge leben, haben sie in uns kein Vorbild für ihren Glauben. Wenn sie nie sehen, wie Papa oder Mama in der Bibel lesen, werden sie es schwer als selbstverständlich kennenlernen. Wenn sie nicht erleben, wie wir Eltern uns von Gottes Maßstäben leiten lassen, fehlt ihnen das Vorbild dafür, das in ihrem eigenen Alltag zu tun. Wenn sie uns außerdem nie beten hören, können wir von ihnen kein perfektes Gebetsleben erwarten. (Diese Glaubenspraxis zu vermitteln, ist nicht allein Aufgabe unserer Gemeinden. In erster Linie ist es unsere Verantwortung als Eltern.)
Hilfreich: Eine gute Beziehung zu unseren Kindern, Glaube authentisch vorleben
Laut einer großen Studie in den USA sind Eltern “die mächtigste soziologische Kraft bei der Weitergabe von […] Religion an ihre Kinder”A.

Vielleicht klingt das für dich nach hohem Druck und einer zu großen Verantwortung. Der Anspruch, ein gutes Vorbild zu sein, kann Eltern dahin treiben, vor ihren Kindern eine perfekte Fassade bewahren zu wollen. Aber: Erstens haben wir einen gnädigen Gott, der unsere Kinder noch mehr liebt als wir. Er kann auch in unserem unperfekten Elternsein zu unseren Kindern durchdringen[1]. Zweitens wirkt Ehrlichkeit viel stärker als eine Fassade: Es ist für unsere Kinder viel einladender, wenn wir ihnen offen sagen, dass wir auch nicht alles richtig machen. (Außerdem ist es eine Steilvorlage, um über Gottes Vergebung und Gnade zu sprechen.)
Und noch etwas kann uns Mut machen, denn als Christen haben wir eine unüberbietbare Hilfe: Gottes bedingungslose Liebe als Quelle. Lassen wir uns lieben und anstecken von seiner hartnäckigen, bedingungslosen Vaterliebe, seiner strahlenden Wahrheit und seiner unfassbaren Gnade im Umgang mit uns. Wenn wir nichts anderes tun, wird das schon die stärkste Einladung an unsere Kinder sein, hin zu dieser Quelle. Denn diese Liebe[2] in uns wird die Beziehung zu unseren Kindern prägen.
Wenn wir auf dieser Grundlage unsere Nachfolge sichtbar leben, werden unsere Kinder sie in vielen Fällen ganz natürlich nachahmen. Darum: Baden wir in Gottes Liebe. Lesen wir – auch sichtbar – unsere Bibel. Beten wir gemeinsam spontan für konkrete Anliegen. Streuen wir biblische Gedanken, Zitate und Gedanken über Gott in unseren Alltag ein. Seien wir als Familie gastfreundlich. Und leben wir unseren Glauben natürlich in Gemeinschaft mit anderen Christen.
Schlüssel 2: Ein begründetes biblisches Weltbild
Gefahr: Unerklärt. Warum – Darum
Meine Freundin Lina, um die es zu Anfang ging, fragte neulich traurig und etwas verärgert: „Warum hat mir keiner gesagt, dass es zu diesen Themen auch andere Ansichten gibt?” Sie ist mit Anfang 30 zum ersten Mal einigen Inhalten aus der historisch-kritischen Theologie begegnet. Diese warfen bei der gründlichen Denkerin Fragen auf, die ihr in ihren Gemeinden noch nie so begegnet waren. Doch ihr Glaube bot keine Antworten auf diese Fragen. Also forschte sie weiter und entdeckte Berichte, christliche Strömungen und für sie neue Annahmen, die ihr kindliches, vermeintlich sicheres Glaubensgerüst ins Wanken brachten. Wie kann das passieren?
Viele junge Christen wie Lina haben irgendwann das Gefühl: Von ihnen wurde verlangt, Dinge zu glauben, ohne zu wissen, warum sie es eigentlich glauben können. Wenn dann von außen gute Fragen kommen oder im Innern Zweifel entstehen, haben sie keine guten Antworten und sind zu Recht verunsichert.

„Weil ich es gesagt habe!“ „Darum!“ Solche energischen Aussagen, die die lästigen Nachfragen eines Kindes beenden sollen, sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Wir müssen unseren Kindern nicht alles erklären. Aber es hat erstens mit Respekt und Liebe ihnen gegenüber zu tun, wenn wir sie in unsere Gedanken oder Motive hineinblicken lassen. Ohne diese zu verstehen, können sie zweitens schlecht von uns lernen, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Und es kann ihnen drittens vermitteln, dass Mitdenken und Nachfragen nicht erwünscht sind. Das hat solch ein „Darum!“ zumindest bei mir persönlich ausgelöst. Und wir sehen bei Linas Fall, was passieren kann, wenn tiefgehende Fragen und Zweifel in christlichen Familien und Gemeinden keinen Raum haben.
Hilfreich: Gute Gründe zu glauben
Wir sollten uns nicht angegriffen fühlen, wenn unsere Kinder christliche Wahrheiten oder Prinzipien mit einem „Warum?” hinterfragen. Gehen wir erst einmal davon aus, dass sie hauptsächlich verstehen wollen, und nutzen die Chance, ihnen gute Gründe zu geben. Denn die gibt es! Und wenn wir gerade keine parat haben, können wir nachforschen, vielleicht sogar zusammen: Warum glauben wir dieses, warum leben wir jenes so? An welchen Beispielen können wir sehen, wie lebensspendend ein biblisches Prinzip ist? Welche logischen Argumente und Studien gibt es, die diese oder jene biblischen Berichte stützen? Warum sind Wissenschaft und Glaube kein Widerspruch? (Studien-)Bibeln, Bibelkommentare und unsere Gemeindeleitung können uns weiterhelfen. Unsere Kinder brauchen ein begründetes biblisches Weltbild, um Zweifelstürmen standhalten zu können. Und die Bibel besteht ohne Probleme vor kritischem Denken.
Schlüssel 3: Tatsachen
Gefahr: Biblische Berichte nur als “Geschichten” ohne Bezug zur Realität erzählen
In einer weiteren Studie sollte der Weggang vieler Jugendlichen aus ihren Gemeinden untersucht werden. Eine Feststellung war erschreckend: „Kinder, die in einer Sonntagschulumgebung aufwuchsen, hatten später mit höherer Wahrscheinlichkeit eine säkulare (d. h. weltliche, Anm. d. Autorin) Weltanschauung als die, bei denen es nicht so war.“B
Auch wenn kaum jemand beim Erzählen eines biblischen Berichts mit „Es war einmal …“ beginnen wird, kann es für Kinder so wirken, als seien sie nur spannende Geschichten. Kultur und Schauplätze der Ereignisse sind oft erst unbekannt und weit weg von uns. Wir verstehen nicht intuitiv, wie realistisch und alltagsnah Gottes Gebote oder Jesus‘ Gleichnisse damals waren und es heute noch sind. Das Ausmalen von großen Booten mit Tieren darauf und das Basteln von Pappkreuzen hilft unseren Kindern nicht, die Sintflut und die Kreuzigung als reale Ereignisse zu begreifen. Ohne Erklärungen und Bezüge behalten sie leicht einen etwas unklaren „Schöne Geschichten“-Status, der nichts mit der Realität zu tun hat. So entwickeln die Berichte, Gebote und Zusagen kaum Autorität im Leben unserer Kinder.
Hilfreich: Historische, geografische und kulturelle Informationen geben
Damit unsere Kinder die biblischen Inhalte als real und relevant begreifen, hilft es, ihren historischen Kontext zu vermitteln. Das klingt kompliziert, muss es aber nicht sein. Ordnen wir beim Erzählen oder Lesen geografisch ein: „Wo das passiert ist, da liegt heute die Türkei. Man kann sich den Ort immer noch ansehen!“ Reden wir darüber, wie biblische Texte zeitlich zueinander stehen: „Als König David dieses Lied geschrieben hat, war Jesus noch nicht auf unsere Erde gekommen. Und trotzdem hat Gott David schon Dinge über Jesus gezeigt, die er aufschreiben konnte!“ Erklären wir, warum bestimmte Dinge für die Menschen damals wichtig oder normal waren: „Damals sahen die meisten Dächer flach aus, nicht spitz, so wie bei uns. In vielen Ländern in Israel und drumherum wird heute noch so gebaut!“ Wir können Fotos von der Gegend zeigen, in der eine Begebenheit spielte. Wenn wir andere Dinge sehen, hören oder lesen, die das gleiche Thema berühren oder an naheliegenden Orten stattfinden, können wir das erwähnen und Bezüge herstellen. Zum Beispiel können wir im Strandurlaub laut darüber nachdenken, wie erstaunlich die Teilung des Meeres bei Mose war. Oder wenn uns ein Regenbogen auffällt, dieses sichtbare Zeichen nutzen, um den Bezug zur Sintflut herzustellen und über Gottes Zorn, seine Gnade und Treue sprechen. Natürlich ist es sinnvoll, die Informationen altersgerecht einzustreuen und anzupassen – je nachdem sehr einfach oder auch anspruchsvoller.
Schlüssel 4: Schwierige Themen besprechen
Gefahr: Vermeiden oder Zurückweisen
Einer unserer Nachbarn ist in einer freikirchlichen Gemeinde aufgewachsen, hat Gott aber irgendwann bewusst den Rücken gekehrt. Als ich ihn fragte, wie das gekommen war, erzählte er mir, dass er in einer schweren Lage als Kind Gott um Hilfe gebeten habe, aber nichts passiert sei. Die Christen um ihn her hatten ihn aufgefordert, einfach weiter zu beten. Immer noch änderte sich nichts. Irgendwann wurde unser Nachbar bitter, verstand Gott nicht und wandte sich von ihm ab. Die Frage, warum Gott Leid zulässt und nicht immer wegnimmt, ist schwer zu beantworten. Trotzdem müssen wir uns ihr stellen. Wenn wir sie zu umgehen versuchen, indem wir Leidenden sagen, sie sollen einfach weiter beten, lassen wir sie damit allein. Zudem kann der Eindruck vermittelt werden: Gott wird dein Gebet auf jeden Fall erhören. Wenn nicht, machst du etwas falsch oder musst einfach noch länger warten. Aber das Bild von einem Gott, der jedes Leiden nach ausreichend Gebet nimmt, ist schlichtweg falsch. Es ist daher auch nicht liebevoll, dieses Bild zu vermitteln! Es wird sich früher oder später rächen, zum Beispiel wie bei unserem Nachbarn.
Andere herausfordernde Themen sind Sexualität, Zauberei, Sünde im Allgemeinen, eventuell auch Kriege oder Gewalt in der Bibel oder warum Christen in Gemeinden nicht immer Vorbilder sind.
Wenn wir nicht mit unseren Kindern darüber sprechen, hinterlässt das eine Lücke. Und die wird sicher später durch (soziale) Medien, den Freundeskreis unserer Kinder, die Schule oder andere Quellen gefüllt.
Hilfreich: Schwierige Themen in Ruhe und betend besprechen
Wir werden nicht auf alle schwierigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt die perfekte Antwort haben. (Die gibt es auch nicht immer.) Aber es hilft, wenn wir uns mit einigen Themen selbst früh genug beschäftigen, bevor sie für unsere Kinder relevant werden (zum Beispiel die Themen Leid und Sexualität). Wir können um Gottes Weisheit und Schutz beten. Und wenn solche schwierigen oder sensiblen Themen dann aufkommen, können wir deutlich gelassener und unter anderen Vorzeichen darüber sprechen. Wenn es sich einrichten lässt, tun wir das am besten nicht zwischen Tür und Angel, sondern in Ruhe: Zum Beispiel abends vor dem Schlafen, auf einem gemeinsamen Weg zu Fuß oder einer längeren Autofahrt – oder wo auch immer in eurem Fall ein gutes Gespräch möglich ist. Die besondere Stärke hierin: Herausforderungen haben die Eigenschaft, Beziehungen zu stärken, wenn man sie gemeinsam durchlebt. Wenn du schon einmal mit deinen Kindern gemeinsam ein herausforderndes Thema bearbeitet hast, stärkt es eure Bindung. Wenn du vielleicht sogar bewusst mit ihnen dafür gebetet hast, kann es auch ihre Beziehung zu Gott stärken: Sie lernen ihn als jemanden kennen, mit dem man über schwierige Themen sprechen kann. Sie begreifen ihn als Hirte und Leiter, der nicht geht, wenn es unbequem wird.
Schlüssel 5: Ein gutes Urteilsvermögen
Gefahr: Schwarz-weiß-Denken. Drinnen ist alles gut, draußen ist alles böse
Viele kennen im christlichen Kontext ein untergründig vermitteltes Misstrauen gegenüber allem, wo nicht „christlich” draufsteht. Vielen vertraut sind sicher auch ein missbilligend verzogenes Gesicht und negative, aber unklare Kommentare zu etwas, das als eher unmoralisch oder irgendwie nicht passend empfunden wird. Junge Menschen spüren deutlich, dass hier etwas für schlecht erachtet wird – allerdings, ohne zu verstehen, warum. Dafür ist die Bewertung, ist das Verbot, das Vermeiden, oft zu diffus. Parallel scheint alles wahr, gut und sicher, was innerhalb der Gemeinde passiert. Wenn junge Christen dann schlechte Erfahrungen in Gemeinden machen, aber Jesus-ähnliche Werte an „nichtchristlichen” Orten (Quellen, Medien, Inhalten, Geschichten, gesellschaftlichen Phänomenen) finden, ist das eine echte Ent-Täuschung. Im besten Fall suchen sie das Gespräch. Wenn offene Fragen in der Gemeinde oder Familie nicht willkommen scheinen oder sie keinen Ansprechpartner haben, kann es sie aber auch wegtreiben.
Hilfreich: Fragen und beurteilen lernen
Um dieser Gefahr vorzubeugen ist es ratsam, eine Familien- und Gemeindekultur zu pflegen oder zu fördern, in der Fragen willkommen sind. Dann können Kinder sie als sicheren Raum erleben, in dem sie nachhaken können, ohne dass sie abgebügelt oder beschämt werden. Gott bewertet Hiob mit seinen harten Fragen und bitteren Vorwürfen als gerecht. Jesus wiegelte Thomas mit seinem Zweifel nicht ab. Er war nicht verärgert und verurteilte ihn nicht, sondern lud ihn ein, die Wahrheit ganz praktisch und nah zu begreifen. Deshalb hoffe ich, dass unsere Kinder und Teenager ihre Nachfragen und Zweifel äußern. Ich bin sicher, es liegt ein großer Schatz darin, sie dann einzuladen, Gott in seinen Worten und Zusagen ernst zu nehmen. Er steht zu seinem Wort, und wir werden gemeinsam seine Treue und Wahrheit erleben.
Damit unsere Kinder kluges Beurteilen von „christlich“ und „unchristlich“, biblisch und unbiblisch lernen, können wir ihnen das biblische Prinzip beibringen, alles zu prüfen und das Gute zu behalten.[3] Dabei ist es egal, um welche Inhalte, Personen oder gesellschaftlichen Phänomene es sich handelt (auch bei Filmen, Musik, sozialen Medien, Nachrichten, Veranstaltungen …). Zur Erinnerung: das Ziel ist ein starker, mündiger Glaube. Wir wollen, dass unsere Kinder selbst Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden können, dass sie Lügen und Gefahren selbst erkennen und sie entlarven oder vermeiden können.
In ihrem Buch „Bärenstark. Wie Mütter ihren Kindern helfen, gesellschaftliche Lügen zu durchschauen“ führt Hillary Morgan Ferrer das ROAR-Prinzip ein. Es ist eine Hilfe, mit der wir mit unseren Kindern gemeinsam Prüfen und Beurteilen üben können. ROAR (auf Deutsch „brüllen“ [wie eine Bärenmama]) ist ein Akronym für:
R-kennen: Welche Botschaft wird gerade vermittelt? Was wird gelobt, was kritisiert? Welche Personen(-Gruppen) sind Vorbilder, welche werden lächerlich gemacht? Was klingt gut, verdreht aber biblische Wahrheit?
O-rdentlich beurteilen: Was ist daran wahr oder hilfreich? Was ist irreführend, schlicht falsch oder unvollständig?
A-rgumente/Begründen: Eine bessere, biblisch fundierte Alternative finden – logisch, mit Beispielen oder Nachweisen
R-starken und Anwenden: Darüber sprechen und beten. Dinge einüben, evtl. kleine Praxis-Schritte vereinbaren und gemeinsam beginnen.B
Diese Schritte können wir ganz niederschwellig und zwischendurch oder auch immer wieder bewusst als Training für kluges Beurteilen mit unseren Kindern einüben. Nach dem nächsten Film können wir zum Beispiel fragen: „Was würdet ihr sagen: Was kann man aus diesem Film lernen? Wer hat gewonnen, wer war stark oder gut? Was ist laut dem Film schlecht?“ Beim gemeinsamen Musikhören können wir fragen: „Wovon singt der Sänger? Was wünscht er sich, was findet er wichtig?“
Zunächst kann diese Übung sich komisch anfühlen. Nach und nach kann sie sich aber auch zu einer Art Spiel entwickeln, das immer wieder zu guten Gesprächen als Familie führt. Und es könnte passieren, dass wir erstaunlich oft bei ähnlichen Erkenntnissen landen: Dass Filme und Lieder romantische Liebe über alles stellen. Dass Geschichten immer wieder vermitteln, dass die nötige Kraft und alle Lösungen in uns selbst liegen. Oder dass nur alle zusammenhalten müssen und dann wird alles gut. Diese Erkenntnisse sind die perfekten Überleitungen für Gespräche über biblische Wahrheiten und das Evangelium – ob mit unseren Kindern oder auch mit andersgläubigen Freunden.
Liebe und Vorbild, ein begründetes biblisches Weltbild, geografische und kulturelle Informationen, schwierige Themen zu besprechen und ein gutes Urteilsvermögen – diese Strategien sind gute Bausteine für einen starken, mündigen Glauben unserer Kinder. Mit ihnen ausgerüstet können wir sie in die Welt entlassen. Nicht, weil wir eine Garantie haben, dass alles gutgeht. Aber weil unser Gott gut ist und wir sie ihm anvertrauen – das Beste, was wir für sie tun können.
Vielleicht fühlst du dich etwas erschlagen von so vielen Gedanken und Impulsen. Du hast das Gefühl, dass du all diesen Gefahren gar nicht begegnen kannst und so viele Schlüssel nicht auf einmal beherrschen und anwenden kannst.
Das musst du auch nicht. Niemand kann das, und Gott erwartet nicht mehr von uns als wir leisten können.
Hier sind ein paar praktische erste Schritte:
Fang klein an. Such dir einen oder zwei der Schlüssel heraus, die dich besonders ansprechen oder bei denen du den größten Handlungsbedarf siehst. Vielleicht ist es das nächste Mal, wenn dein Kind eine „Warum?”-Frage stellt, dass du dir bewusst Zeit nimmst, eine gute Antwort zu geben. Oder du nimmst dir vor, beim nächsten Vorlesen einer biblischen Geschichte den geografischen oder historischen Kontext einzustreuen.
Bete für den Glauben deines Kindes oder deiner Kinder. Wir können hoffnungsvoll bleiben, mit Blick auf unseren guten Gott, der unsere Kinder liebt!
Tausche dich mit anderen aus. Teile deine Gedanken und Herausforderungen zu diesem Thema mit deinem Partner oder deiner Partnerin. Erzähle Freunden oder deiner Kleingruppe davon, was dich bei diesem Thema beschäftigt. Gemeinsam über etwas nachzudenken und von anderen zu hören, ist oft ermutigend und inspirierend.
Ich wünsche dir Gottes Segen beim Nachdenken und Reflektieren, beim Beten und Austauschen und beim Begleiten und Lehren deiner Kinder.
Einige hilfreiche Ressourcen:
Das Buch „Bärenstark. Wie Mütter ihren Kindern helfen, gesellschaftliche Lügen zu durchschauen” von Hillary Morgan Ferrer hat diesen Artikel inspiriert und führt das Thema weiter aus.
Zu diesem Thema und verwandten Inhalten gibt es den gleichnamigen Podcast „Bärenstark“, zum Beispiel auf Spotify oder Apple Music.
Ein echter Schatz für Kinder ist „Super Bibelwissen“: Auf spannende Weise sind Zahlen, Fakten und Zusammenhänge in der Bibel dargestellt.
Für Teenager, Jugendliche und Erwachsene, die sich fragen, ob der christliche Glaube plausibel ist, eignet sich das Buch “Warum Gott?” von Timothy Keller.
Der „Visual Bible Guide“ ist ebenfalls eine großartige Hilfe: Auf nahezu jeder Seite findest du visuell ansprechend aufbereitete Fakten über die Bibel und die wichtigste Person, die darin im Fokus steht. (Auf Deutsch erhältlich)
Quellen:
A Smith, C., Ritz, B. and Rotolo, M. (2020) Religious Parenting: Transmitting Faith and Values in Contemporary America. Princeton: Princeton University Press.
B Ferrer, H. M. (2023) Bärenstark. Wie Mütter ihren Kindern helfen, gesellschaftliche Lügen zu durchschauen. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg.
A Smith, C., Ritz, B. and Rotolo, M. (2020)
[1] 2.Korinther 12,9
[2] Zur Erinnerung: 1.Korinther 13,1-7
B Ferrer (2023)
[3] 1. Thessalonicher 5,21
B Ferrer (2023)