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Zu Beginn des neuen Jahres sitze ich in Grado/Italien am Fenster einer Ferienwohnung in einem großen Häuserblock und schaue mir den Sonnenaufgang über dem Meer an. Alles ist noch ruhig und wird es wohl auch bleiben, denn bei dieser Eiseskälte sind mein Mann Oliver und ich wohl fast die einzigen Feriengäste an diesem Badeort. Keine Nachbarn weit und breit – das lässt mich über unsere Nachbarschaft zu Hause in Österreich nachdenken.
In unserer Wohngegend sind wir momentan hauptsächlich von Senioren umgeben. Als unsere Kinder noch klein waren, ergab die Nachbarschaft ein anderes Bild. Es wimmelte vor Kindern. Fast täglich kamen sie zu uns, um mit unseren drei Kindern zu spielen. So war immer etwas los.
Möbel wurden umgestellt, wenn es für das Spiel nötig war. Die Kinder halfen Oliver bei der Gartenarbeit, kuschelten mit unseren Kaninchen oder badeten gemeinsam im Planschbecken. So haben die Nachbarskinder unsere Art zu leben oft ganz natürlich mitbekommen: Sie beteten mit uns vor dem Essen und kamen auch schon mal mit zur Kinderstunde. Evangelistische Höhepunkte waren die Themen-Geburtstagsfeiern unserer Kinder mit Geschichten aus der Bibel.
Hätte ich mich getraut, hätte sich daraus sicher eine regelmäßige Nachbarschaftskinderstunde ergeben können. Das war wohl ein versäumter Weg, den Gott für mich vorbereitet hatte. Kennst du solche Situationen? Wenn wir Mission in unserem Alltag leben wollen, können wir vor den unterschiedlichsten Herausforderungen stehen – manchmal auch vor der, dass Gott Gelegenheiten schenkt, Salz und Licht zu sein. Aber dann scheitert es letztlich an uns, weil wir Chancen übersehen oder uns nicht trauen, sie beim Schopfe zu packen.
Wann immer ich dies bei mir bemerke, erinnere ich mich dankbar an die Vergebungsbereitschaft unseres Herrn. Aus dieser Freiheit heraus kann ich dann neu versuchen, die Wege zu erkennen, die er mit mir gehen möchte. Diese sind nicht immer so offensichtlich wie damals, als unsere Kinder klein waren. Denn oftmals ergeben sich Kontakte zu Nachbarn nicht von selbst. Es kann sein, dass wir teilweise schon Jahre nebeneinander wohnen, unsere Gesprächsebene aber noch nie tiefer kam als das höfliche Grüßen vor der Haustür.
Entspricht deine Nachbarschaft eher dieser Beschreibung, lass mich dir Mut machen. Ich empfehle dir hier dieselbe Herangehensweise: Mach dir einerseits keinen Druck, möglichst schnell Erfolge vorweisen zu können – Jesus macht ihn dir jedenfalls nicht! Aber sei gleichzeitig wachsam und durchaus auch initiativ, um die Wege, die Gott vorbereitet hat, trotzdem zu erkennen und dann auch mutig zu gehen.
Gott hat Wege vorbereitet und ich darf sie gehen
Gerade erst war Weihnachten und Silvester. Mit meiner dreijährigen Enkelin an der Hand habe ich mich bewusst auf den Weg gemacht, um unseren älteren Nachbarn schräg gegenüber einen kleinen Gruß vorbeizubringen: einen Kalender fürs neue Jahr, der hübsch mit kleinen Weihnachtskugeln verziert ist. Hinter dem Deckblatt befindet sich ein Lesezeichen mit einem Foto von Oliver und mir vom letzten Urlaub in England und der Jahreslosung: „Siehe, ich mache alles neu” aus Offenbarung 21,5. Dazu ein lieber, evangelistischer Begleitbrief, wie Gott aus dem Dunkel ins Licht führt.

Diese Nachbarin und ihren Mann kennen wir nun schon seit 20 Jahren. Aber selten haben wir mehr Worte geteilt als die üblichen paar Sätze „am Gartenzaun”, wie man so sagt. Doch jetzt kam uns die Nachbarin schon entgegen. Mit Tränen in den Augen sagte sie: „Mei, so lieb, dass ihr kommt, aber ich habe gerade gar keine Zeit. Mein Mann ist schon 2 Wochen auf Intensiv.” Dann erblickte sie das kleine Mädchen an meiner Hand. Also lief sie in ihre Wohnung zurück und kam mit etwas Schokolade in der Hand wieder heraus. Es ergab sich die Gelegenheit, ihr ein paar tröstende Worte weiterzugeben, und schon waren wir wieder auf dem Heimweg.
Was für ein besonderer Moment. Die große Hürde dieser „Gartenzaunbekanntschaften” ist doch, dass es überhaupt erst Gesprächsthemen und Anknüpfungspunkte braucht, die bestenfalls mit dem Leben des Gegenübers zu tun haben. Nun hatte ich also erfahren, dass ihr Mann zurzeit schwer krank ist.
Wenn wir wieder aus dem Urlaub zurück sind, möchte ich gern noch einmal nachfragen, wie es ihrem Mann jetzt geht. Dabei ist mir wichtig, dies mit ehrlichem Interesse zu tun, also nicht nur aus evangelistischem Eifer – des Erfolges wegen. Ich möchte für sie da sein, sofern sie mich lässt. Vielleicht möchte sie sich den Kummer vom Herzen reden, und Gott helfe mir, dass ich dann die richtigen Worte für sie finde.
Manchmal muss ich zu Hause erst über alles nachdenken, was mir gerade begegnet ist, und kann dann erst sinnvoll und mit Gottes Hilfe sprechen, weil ich nicht unbedingt schlagfertig und oft eher schüchtern bin. Aber manchmal überkommt mich so eine Art „göttliche Unruhe”, etwas Bestimmtes zu sagen oder zu tun. Dann weiß ich: Gott führt mich hier auf seinem Weg, und ich möchte ihn gehen.
Gott hilft mir, erkennbar und authentisch als Christ zu leben
Lass mich dir eine weitere Begebenheit erzählen, um zu verdeutlichen, was ich damit meine. Bei einer Begegnung mit einer Bekannten, die schon länger nicht mehr bei unserer Bibelrunde war, sprachen wir über die Krankheit ihres Sohnes. Sie erzählte mir, dass es ihm nun wieder besser geht, und ich sagte spontan und aus vollem Herzen: „Gott sei Dank.” Es war nicht einfach nur so dahingesagt, und so spürte ich, dass es gerade auch bei ihr als Zeugnis ankam. Es führte bei ihr zu dem Entschluss, mit ihrer Familie wieder zum Gästesonntag zu kommen, um Gottes Wort zu hören.
„Holen wir noch einen Kalender?”, holt mich das aufgeregte Stimmchen meiner Enkelin wieder in die Realität zurück. „Ja, komm, wir besuchen noch eine Nachbarin.” Also sind wir wieder auf dem Weg. Wieder ins gleiche Haus, aber zu einer anderen Tür. Zu einer Nachbarin, deren Mann vor drei Jahren an Krebs verstorben ist. Als wir vor 20 Jahren hierherzogen, wurden wir von ihnen als „Zuagroaste” (neu Hergezogene) kritisch beäugt. Für viele Jahre stempelten sie uns dann als eigenartig, weltfremd und sektiererisch ab – besonders der Mann.
Trotzdem brachten wir diesem Ehepaar immer Freundlichkeit und Liebe entgegen – bis heute, auch nach dem Tod ihres Mannes. Wir schenken ihr Blumen zu ihrem Geburtstag und bringen jedes Jahr einen Kalender vorbei. Wir grüßen freundlich auf der Straße, auch wenn wir ignoriert werden.

Diese Frau öffnet uns also jetzt die Wohnungstür. „O nein, was ist mit ihrem Auge passiert?”, rutscht es mir gleich heraus. „Kommen Sie rein”, ist ihre Antwort. Und das ist das erste Mal seit über 20 Jahren, dass ich ihre Wohnung betrete. Wahrscheinlich ist das kleine süße Mädchen an meiner Hand der „Türöffner”. Trotzdem zögere ich kurz, denn mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf. „Bin ich gerade dabei, meine Enkelin zu traumatisieren?” Die Nachbarin hat an Stelle ihres rechten Auges nur noch Haut und eine lange Narbe bis in die Stirn hinauf. Zusätzlich setzt sie auch immer wieder ihre Brille ab, sodass es noch mehr auffällt.
Sie erzählt von Krebs, und ich bin eigentlich nur damit beschäftigt, meine Enkelin abzulenken und auf lustige Bilder und Dinge in der Küche hinzuweisen. Dabei möchte ich gern der Nachbarin zuhören und sie mein Mitgefühl spüren lassen, aber ich bin von dem erschreckenden Anblick wie gelähmt und zutiefst beunruhigt. „Herr, hilf!”, schreie ich innerlich.
Da entdecke ich ein Bild von unserer Familie an der Küchentür. Inmitten von lustigen Bildern von Katzen und einem Kaninchen. Es ist ein Lesezeichen mit Bibelvers, das wir der Nachbarin vor ca. 2 Jahren geschenkt haben. Es ist fest installiert in dieser Küchentür-Collage. Ich sage noch ein paar Worte des Mitgefühls und dass sie ja weiß, wo wir wohnen, und jederzeit vorbeikommen kann, wenn sie möchte. Auch da nehme ich mir einen neuerlichen Besuch vor und habe dann mit Gottes Hilfe hoffentlich mehr Trost und echte Hoffnung anzubieten als ein betroffenes Gesicht.
Gott weiß um meine Berührungsängste
Kindern das Evangelium nahezubringen, fällt mir, anders als bei Erwachsenen, viel leichter. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht spielt eine Rolle, dass meine Menschenfurcht im Umgang mit Gleichaltrigen oder Älteren einfach viel größer ist. Es erscheint mir immer wie eine kleine Mauer, über die ich springen muss, beim Übergang von „normalem Geplauder” hin zum Sprechen über tatsächlich Wichtiges und Lebensveränderndes. Aber der Herr hilft. Wie es in Psalm 18,30 (Lutherbibel 2017) steht: „Denn mit dir kann ich Wälle erstürmen und mit meinem Gott über Mauern springen.” Also springe ich mit ihm innerlich regelmäßig über Mauern.
Es war wirklich eine sehr hohe Mauer, als ich vor vielen Jahren merkte, dass eine jüngere Nachbarin, ebenfalls aus dem Haus gegenüber, an Schizophrenie erkrankt ist. Schon länger hatte ich Kontakt zu ihr und merkte, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber alle anderen Nachbarn hielten es nicht für nötig, mich zu informieren. Sie waren einfach froh, dass sich jemand um diese Frau kümmert. Sie ging auch mal verloren und musste polizeilich gesucht werden.
Zu der Zeit hatte noch nicht jeder ein Handy. Ja, das kann man sich heute kaum noch vorstellen – und so alt bin ich nun mit 50 ja auch noch nicht. Man konnte also nicht einfach alles googeln. Also ging ich in die Bibliothek, um Gesundheitsbücher zu wälzen und Informationen über diese Krankheit zu bekommen. So erschreckte es mich von nun an nicht mehr so sehr, wenn sie wieder befürchtete, ich wolle sie erschießen.
Obwohl diese Frau also einerseits große Angst vor mir hatte, kam sie andererseits gerne zu uns nach Hause. Sie spielte mit den Kindern und ließ sich von mir die Haare färben und frisieren. Immer wieder tauchte sie unvermittelt bei uns auf – in unserem Alltag – und so erlebte sie ganz natürlich mit, wie wir in Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus leben. Auch am Weihnachtsabend stand sie plötzlich an unserer Tür. Sie sagte, dass es ihr nicht gut geht, und legte sich auf die Couch unter den Weihnachtsbaum.

Mittlerweile lebt sie in betreutem Wohnen und freut sich immer über unseren Kalender, den sie „Bibel” nennt. Phasenweise stelle ich bei ihr eine klare Sündenerkenntnis fest. Soweit ich weiß, hat sie sich allerdings noch nicht zu einer Bekehrung durchgerungen.
Ein langer Atem kann sich auszahlen
Das ist mir beim Nachdenken über unsere Nachbarn aufgefallen. So war es auch bei einer Nachbarin, die in einem großen, schönen, gelb gestrichenen Haus wohnte. Es thronte ein wenig über dem Straßenniveau und blickte auf alle anderen Nachbarhäuser hinab. So auch seine Bewohnerin. Als wir herzogen, hatten wir im Kontakt zu ihr ein ungewöhnliches Problem: Wir verstanden ihren ursteirischen Dialekt nicht. Manchmal sagte ich einfach „ja”, obwohl ich nicht wusste, wovon sie spricht. Mit der Zeit war dies zwar kein Thema mehr. Doch wollte sie ohnehin nicht viel mit uns zu tun haben. Wegen unseres Glaubens waren wir ihr suspekt.
Trotzdem taten wir, was wir ihr zur Liebe tun konnten: Schneeschaufeln zum Beispiel. Dies öffnete schließlich die Tür für mehr Kontakt, als zuerst ihr Mann und später auch ihre Tochter an Krebs verstarben. Nun hatte sie niemanden mehr, der sich um sie kümmerte. Wir luden sie zum Gästesonntag ein, und sie war sehr erstaunt zu hören, dass Jesus Christus am Kreuz für ihre Sünden gestorben ist.
Sie war erstaunt und meinte, davon in der Kirche noch nie gehört zu haben. „Danela”, hörte ich sie regelmäßig rufen, sobald ich unsere Haustür öffnete. Oftmals überlegte ich mir schon, einfach nicht rauszugehen, da es mit der Zeit wirklich anstrengend wurde, immer so beobachtet und gebraucht zu werden. Oftmals erledigten wir kleine Reparaturen in ihrem Haus, obwohl noch nicht einmal etwas kaputt war. Aber sie brauchte jemanden zum Reden. Uns war das klar, und wir taten ihr den Gefallen.
Als sie selbst an Krebs erkrankte, begleitete ich sie durch beinahe alle Krankheitsphasen: vom ersten Arztbesuch über die Röntgenuntersuchungen, das Diagnosegespräch, das Anpassen der Bestrahlungsmaske – was für mich ein sehr belastendes Erlebnis war. Ich saß in Wartezimmern voller sehr kranker Patienten, begleitete meine Nachbarin sogar zu Operationen und schließlich auch bei der Suche nach einem Seniorenpflegeheim.
Ich besuchte sie auch dann noch, als sie unglücklich war und sagte: „Du hast ja nie etwas für mich getan.” Sie meckerte viel, betrog und überwarf sich mit ihrem Bruder. Dennoch war sie lange Zeit der Meinung, keine Sündenvergebung nötig zu haben – bis ich sie eines Tages ganz verändert im Seniorenpflegeheim antraf.
Die Tür zu ihrem Zimmer, die sonst immer verschlossen war, stand weit offen. Sie lag mit ängstlichem Gesichtsausdruck in ihrem Bett und erzählte mir von ihren Albträumen, die sie neuerdings hat. Vom Sterben und dass ein schwerer Sargdeckel auf ihr liegt und sie sich nicht befreien kann. Ich nahm ihre Hand und sagte: „Du weißt, was du tun musst. Dann hast du auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Bitte Jesus Christus um Vergebung deiner Sünden.” Sie schaute mich an und sagte: „Wenn du weg bist, mache ich das sofort”, und ich sah an ihren Augen, dass sie es ernst meint. Das ist die letzte Begegnung mit ihr, und ich bin guter Zuversicht, dass der Herr sie gerettet hat.

Ich erinnere mich aber auch an eine andere Frau, die ich immer wieder an der Garderobe der Grundschule unserer Kinder sitzen sah. Da sie damals kein Deutsch konnte, hatte ich lange Zeit keine andere Möglichkeit, als ihr immer wieder freundlich zuzunicken und zu winken. Aber auf dem Heimweg betete ich immer für sie.
Inzwischen geht diese Frau gemeinsam mit ihrem Mann in unsere Gemeinde und hat sich von Herzen zum Herrn bekehrt. Aber nicht durch mein Reden. Das Paar betrieb einen Copyshop, und der Herr führte einen Bruder unserer Gemeinde dorthin, einen Bibelvers für sein Auto bei ihnen zu bestellen und sie dabei zum Gästesonntag einzuladen. Was für eine Freude, diese Frau dort wiederzusehen! Immer noch staune ich über die Wege des Herrn und freue mich über diese liebe Glaubensschwester. Das zeigt mir:
Druck oder Versagensangst ist unbegründet
Der Herr tut es. Ich soll einfach im Weinstock bleiben, wie es in Johannes 15,5 steht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.” Ja, ohne ihn kann ich rein gar nichts tun. Meine Panik- und Angststörung, die ich seit unserem Umzug hierher habe, würde mich sonst restlos lähmen. Aber auch der Druck, den ich mir oft selbst aufbaue, für den Herrn etwas leisten zu müssen. Dabei hat er mir ja schon alles geschenkt und liebt mich, wie ich bin. Ich darf ihn zurücklieben und anderen Menschen auch von dieser Vergebung und Liebe erzählen.