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Trautes Heim, Glück allein?
Die wenigsten von uns wohnen auf einer einsamen Insel. Da kann wohl jeder die ein oder andere Geschichte aus der Nachbarschaft erzählen. Ich hab auch eine, und leider keine, die besonders schön anfängt. Dabei hätte eigentlich alles so perfekt sein können … Wir hatten Anzeigen gewälzt, Freunde gefragt und eine Wohnung nach der anderen besichtigt. Der Markt ist knapp, die Konkurrenz ist groß.
Dann endlich: Drei helle Zimmer, zentrale Lage und ein toller Blick über die Stadt – und das zu einem fairen Mietpreis. Das Beste an der Sache? Wir bekamen die Zusage des Vermieters! Gerade frisch verheiratet, zogen Annika* und ich voller Freude hier ein. Gleich am Anfang stellten wir uns den neuen Nachbarn vor. Die Leute aus den fünf anderen Parteien im Haus wirkten eher zurückhaltend, aber freundlich. Alles war wunderbar. Wäre da nicht dieser Samstag gewesen …
In all dem Umzugstrubel hatten wir vergessen, das Treppenhaus zu putzen. Kann ja mal passieren, denkst du? Dachten wir auch. Nachmittags fiel es uns auf, also hab ich schnell noch gewischt. Spät, aber in der vorgesehenen Zeit. Herr Jansen* sah das leider anders. Der ältere Herr aus dem Erdgeschoss hatte sich frühmorgens bei der Hausverwaltung über unser Versäumnis beschwert. Als dann die Verwalterin anrief, war ich ganz schön irritiert. Und offen gesagt auch sauer. Herr Jansen hätte doch erst mal mit uns sprechen können.
Die folgende Zeit wurde leider nicht einfacher. Meistens war unser Nachbar gerne für einen freundlichen Plausch zu haben. Aber leider ging er manchmal von einem Moment auf den nächsten regelrecht an die Decke. Das war immer dann, wenn ihm ein älterer Fehler von uns wieder einfiel. Ungeschickt parken stand ganz oben auf seiner Liste …
Herrn Jansen zu begegnen war mir unangenehm. Am liebsten hätte ich es einfach vermieden. Ein ernstes Gespräch mit Annika brachte mich zurück auf den Boden der Tatsachen: Eigentlich sollen wir als Christen doch anders mit den Menschen umgehen. Fragen kamen in mir hoch: Was denkt eigentlich Gott über diesen Konflikt? Was erwartet er von mir als Nachbar? In der Bibel fand ich Antworten.
Die Bibel sagt viel über gute Nachbarn – und über Konflikte
Jesus spricht zu seinen Zuhörern etliche Male von ihrem „Nächsten“. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37) stellt er klar, dass das nicht immer der beste Freund sein muss. Wer ist mein Nächster, wenn nicht auch der, der mit mir im selben Haus wohnt? Mir ist das nochmal ganz neu aufgegangen, als ich in meiner englischen Bibel las. Da steht nämlich „neighbour“ (= wörtl. Nachbar), wenn es um den Nächsten geht.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ - im Englischen steht hier "neighbour" (Nachbar)
Im Gleichnis erinnert Jesus unmissverständlich daran, wie ich meinen Nächsten behandeln soll: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (nach Lukas 10,27) ; siehe auch Matthäus 22,39) Da steht nichts von „… wenn du ihn gut leiden kannst“ oder „… wenn er sich nicht darüber beschwert, wie du parkst“.
Gott liebt mich bedingungslos – genauso soll ich meinen Nachbarn lieben. Wow! Diese Stelle las ich natürlich nicht zum ersten Mal. War aber trotzdem gerade nicht so leicht zu verdauen. Aber die Bibel sagt noch mehr, und zwar zum Thema Feindesliebe.

„Feind“ ist zu heftig als Beschreibung für meinen Nachbarn. Aber hey: So wie ich einen Feind behandeln soll, kann ich auch jemanden behandeln, der einfach unfreundlich ist. Schon im Alten Testament fand ich Aussagen hierzu.
Ich las: „Wenn du das Rind deines Feindes oder seinen Esel antriffst, der sich verlaufen hat, so sollst du ihm denselben auf jeden Fall wiederbringen. Siehst du den Esel deines Feindes unter seiner Last erliegen, könntest du es unterlassen, ihm zu helfen? Du sollst ihm samt jenem unbedingt aufhelfen!“ (2. Mose 23,4-5) Später stand da: „Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und wenn er strauchelt, so frohlocke dein Herz nicht …“ (Sprüche 24,17)
Jesus setzt noch einen drauf: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, …“ (Matthäus 5,43-44). Außerdem stand da: „Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar …“ (Matthäus 5,39; siehe auch Lukas 6,29) Alle Zweifel beseitigt, oder? Ob Aussagen zu Barmherzigkeit (Lukas 6,36), Verhalten als Christ (Matthäus 5,15; Markus 4,21; Lukas 11,33) oder Seligpreisungen der Friedfertigen (Matthäus 5,9): Alles passt ins Bild.
Kurz und gut: Jesus wäre sicher nicht begeistert davon, wenn ich Herrn Jansen ärgerlich aus dem Weg gehen würde.
Was hab ich also gemacht, um die Situation zu verändern?
Mit all dem im Hinterkopf waren Annika und ich uns gleich einig: Wir gehen ihm nicht aus dem Weg. Und wir diskutieren auch nicht unnötig. Das passiert doch schon viel zu oft! Vielleicht hat genau das den alten Mann erst dahin gebracht, sich über Kleinigkeiten so heftig aufzuregen. Wir wollen lieber so handeln, wie Jesus es gesagt und vorgelebt hat.
Nun hat Herr Jansen keinen Esel, der gestürzt ist. Und Jesus ist in seinen Aussagen eher zurückhaltend mit Beispielen aus modernen Mietshäusern. Wir mussten also selbst überlegen, wie wir das nun konkret umsetzen. Der Schlüssel: Beziehung bauen und Versöhnung leben!
Der Schlüssel zu einer guten Nachbarschaft? – Beziehung bauen und Versöhnung leben!
Wir sind wieder zurück an dem Samstag, als ich die Treppe zu spät geputzt habe. Nach dem Gespräch mit Annika hab ich bei Herrn Jansen geklingelt und mich entschuldigt. Und ihn gebeten, mir noch Hinweise zum Putzplan des Hauses zu geben. Der ist nämlich seeeehr umfangreich.
Und weißt du was? Die Überraschung stand dem alten Mann förmlich ins Gesicht geschrieben. Ich glaube, er war eigentlich auf eine Rechtfertigung eingestellt – und Streit. Oder frostiges Schweigen. Vor lauter Staunen wusste er erst mal gar nicht, was er antworten sollte. Nach ein paar angefangenen und wieder abgebrochenen Sätzen murmelte er schließlich: „Naja, Schwamm drüber …“ – Das Eis war gebrochen.
Natürlich war noch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ich sagte ja schon, dass die folgende Zeit schwierig blieb. Aber Annika und ich wollten dranbleiben. Wir beteten für unseren Nachbarn. Und liefen ihm nicht nur weiter bereitwillig über den Weg, sondern suchten aktiv Gespräche, wann immer es passte. Es blieb unangenehm überraschend, wenn er sich wieder über unser Verhalten echauffierte. Aber ich merkte, wie nach und nach meine Angst vor solchen Begegnungen wich und ich gelassener wurde. Und noch etwas passierte …

Wie Gott mit meinem Konflikt arbeitet
Schon nach kurzer Zeit fanden sich erste Gelegenheiten, über den Glauben zu sprechen. Vor uns hatten wohl schon mal Christen im Haus gewohnt. Und anscheinend das ein oder andere Missverständnis hinterlassen. Gott hat unsere Situation perfekt genutzt: Ich konnte mit Missverständnissen aufräumen und meinem Nachbarn erklären, was eine echte Gottesbeziehung ist.
Es folgten immer wieder kleine Gelegenheiten, in denen ich etwas vom Evangelium einstreuen konnte. Mein persönliches Highlight ist noch gar nicht lange her: Nach der Arbeit brachte ich mein Fahrrad in den Keller und kam an der Waschküche vorbei. Als ich Herrn Jansen an seiner Maschine stehen sah, war ich erst mal unschlüssig. Ich wusste ja nicht, in welcher Stimmung er ist.
Ich überlegte, schnell weiterzugehen. Auf Vorwürfe hatte ich nämlich keine Lust. Aber ich besann mich schnell wieder – immerhin hatte ich eine Entscheidung getroffen – und sprach ihn an. Das stellte sich als gute Idee heraus, er war gerade in bester Plauderstimmung. Zunächst ließ er ein paar Beschwerden über die Politik und das Wetter fallen – typische Gesprächsthemen eben … Ich gab einige kurze Erwiderungen und betete im Stillen für eine Gelegenheit, das Gesprächsthema zu wenden.
Seine Gesundheit war ein passender Einstieg, da er damit häufiger zu kämpfen hat. Darin konnte ich ihm mein aufrichtiges Interesse an ihm zeigen. Wir kamen auf seine Situation, die demente Mutter und die verstorbene Schwester zu sprechen. Und dann tatsächlich auf das Leben nach dem Tod. Er habe sich darüber bisher wenige Gedanken gemacht, gab er zu. Immerhin sei ja noch niemand zurückgekommen, um zu berichten. Das war die Gelegenheit, um die ich gebetet hatte: Ich erzählte ihm von meiner Hoffnung auf ein ewiges Leben, versöhnt mit Gott. Und welchen Frieden mir das gibt.
Gott erhörte mein Gebet: Ich durfte meinem Nachbarn von meiner Hoffnung auf ein ewiges Leben erzählen.
Das war erst mal genug und ich merkte, dass ich mein Gegenüber nicht überfordern darf. Ich entschied mich dagegen, ihn jetzt mit biblischen Wahrheiten zu überschütten. Gott hatte mein Gebet erhört. Diesen alten Herrn nun so nachdenklich zu sehen, machte mich unglaublich dankbar.
Was ich aus meinem Nachbarschaftsstreit mitnehme
Eine Erkenntnis ist mir ganz wichtig geworden: Gott liebt meinen Nachbarn genauso sehr wie mich. Und deinen so sehr wie dich. Für sie ist Jesus ebenso ans Kreuz gegangen wie für uns. Mir hat das echt geholfen, meine Perspektive zu ändern.
Wenn du möchtest, kannst du noch einen (oder mehrere) Schritte weitergehen. Gute Nachbarschaft muss nicht erst da anfangen, wo es schon Streit gab. Du kannst sie genau jetzt in deinem Alltag aufbauen. Wie wäre es, wenn du das Ehepaar von gegenüber mal zum Grillen einlädst? Der Familie aus dem Erdgeschoss Babysitting anbietest? Oder der alten Dame die Einkaufstüten nach oben trägst? Du könntest auch mal die ganze Nachbarschaft für einen Spieleabend oder ein gemeinsames Essen an einen Tisch bringen.

Es gibt etliche Gelegenheiten, hilfsbereit zu sein. Natürlich nicht, um irgendeine Gegenleistung zu bekommen oder sich gut zu stellen. Sondern einfach in kleinen Portionen Gottes Liebe weiterzugeben. Du wirst staunen, welche Auswirkungen das haben kann. Und sei immer für deine Nachbarn im Gebet – vielleicht bist du der Einzige, der das tut.
Bleib gelassen, wenn es nicht gut läuft. So mancher Streit ist einfach heftig. Suche dir seelsorgerliche Hilfe, wenn du merkst, dass dir die Last zu groß wird. Sei ehrlich mit dir und den anderen: Hast du einen eigenen Anteil am Streit? Dann bitte um Vergebung und bemühe dich um Versöhnung. Auch wenn du es für eine Kleinigkeit hältst. Für deinen Nachbarn kann es wichtig sein. Und wenn du unverschuldet in einen Konflikt gerätst: Suche trotzdem immer nach Frieden.
Wie geht es dir, nachdem du das alles gelesen hast? Ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass man so viel über Nachbarn nachdenken könnte. Aber es lohnt sich. Um die beste Nachricht aller Zeiten mit anderen zu teilen – direkt vor meiner und deiner Wohnungstür. Mit Jesus bist du dabei nie allein!
*Die Namen aller beteiligten Personen wurden von der Redaktion geändert.