Welche Evangelisationskultur braucht die Gemeinde?

22. Juni 2026

Hast du dir schon einmal die Frage gestellt, ob deine Gemeinde eine bestimmte Kultur hat? In diesem Artikel erfährst du, warum man nicht nicht-kulturell unterwegs sein kann. Und du erhältst Anregungen, die Gemeindekultur und ihre Entstehung zu hinterfragen: was davon ist der Evangelisation nützlich, was davon sollte überdacht werden?

Eine Frau wird in einer Freikirche herzlich begrüßt

Warum jede Gemeinde eine Kultur hat

Wenn innerhalb der Gemeinde das Thema „Evangelisation“ angesprochen wird, geht es meist darum, was die Gemeinde tut bzw. tun sollte. Oft wird übersehen, dass Evangelisation auch dadurch geschieht, was die Gemeinde ist. Die Gemeinde wirkt eben nicht nur durch das, was sie lehrt und verkündigt, sondern auch durch das, was sie lebt. Menschen sollen durch die Gemeinde das Evangelium hören. Sie sollen aber auch in der Gemeinde eine Gemeinschaft erleben können, die an das Evangelium glaubt und danach lebt. Genau das soll mit dem Begriff „Gemeindekultur“ im Folgenden thematisiert werden.

©Unsplash.com Claudia Raya

Der Begriff Kultur wird also nicht im engeren Sinn gebraucht als dem, was eine Gemeinschaft hinsichtlich Sprache, Musik, Kunst, Küche und Bräuche kennzeichnet. In diesem Sinne sprechen wir vielleicht von „fremden Kulturen“ oder Menschen aus „anderen Kulturkreisen“. Wir kennen aber auch die „Streitkultur“ in einer Familie oder die „Unternehmenskultur“ und in solchen Beispielen kann „Kultur“ viele kleine Aspekte der allgemeinen Lebensweisen einschließen. In diesem Sinn ist Bob Thune zuzustimmen, der formuliert:

„Man spürt die Kultur einer Gemeinde, sobald man durch die Tür tritt. Man spürt sie noch stärker, wenn man mit ihren Mitgliedern interagiert oder am Gottesdienst teilnimmt. Man nimmt ein implizites, nicht greifbares Gefühl dafür auf, was hier wichtig ist, was hier geschätzt wird, was hier normal ist.“[i]

So hat jede Gemeinde ihre Kultur. Und ob uns das bewusst ist oder nicht, diese unsere Gemeindekultur hat eine unausgesprochene Botschaft. Sie sagt etwas über Gott, über uns und über das Evangelium aus. Sie kann der Evangelisation dienlich sein oder alle Bemühungen („Aktionen“) der Evangelisation durchkreuzen.

Das Heukelbach Magazin

Hol dir jetzt kostenfrei Inspiration für deine Alltagsmission! 

Mit Porträts und Erfahrungsberichten anderer Alltagsmissionare, geistlichen Impulsen und praktischen Tipps für deine persönliche Evangelisation.

Die Macht der Kultur

Der Soziologe James D. Hunter beschreibt Kultur als eine normsetzende Ordnung, die Gliedern einer menschlichen Gemeinschaft hilft, die Welt und sich selbst zu verstehen. Und diese einmal etablierte Kultur, so führt er weiter aus, lebt schließlich unabhängig von Gedanken, Gefühlen und Willen des Einzelnen weiter. Kultur ist also gewissermaßen die Brille, durch die wir die Welt – und auch uns selbst im Spiegel – betrachten und feststellen, was „normal“ ist. Ist das Wahrgenommene „normal“, nehmen wir es unbewusst positiv wahr und es kann als Vorbild dienen, im andern Fall empfinden wir es als „befremdlich“ und neigen zur Ablehnung. Die Bedeutung der kulturellen Prägung ist deshalb so hoch, weil wir uns in der Regel ihrer nicht bewusst sind. Sie wird also nicht hinterfragt. Warum soll man über Dinge diskutieren, „die einfach wahr sind“, „die doch jeder (in unserer Kultur) so macht und sieht“? Dass dem nicht so ist, dämmert einem erst, wenn man anderen Kulturen mit teilweise gegenläufigen „Selbstverständlichkeiten“ begegnet. Oder dann, wenn man weit genug zurück in die (eigene Gemeinde-) Geschichte schaut und dort ganz andere kulturelle „Wahrheiten“ vorfindet. Unsere Kultur macht uns also auf eine gewisse Weise blind für eine kulturunabhängige Wahrheit, die wir nur bei Gott finden.

Deshalb kann auch nur ein Gotteswort von „außen“ diese Blindheit überwinden, wie es die alttestamentlichen Propheten zu ihrer Zeit dem Volk und ihren Führern förmlich entgegen schleuderten. Wer mag den großen Propheten Jesaja und Jeremia widersprechen, wenn sie das Handeln des Volkes Gottes töricht nennen? Sie bearbeiten einen Stein, ein Erz oder ein Stück Holz mit ihren Händen und behaupten anschließend, dieses Werk ihrer Hände, sei der Gott, aus dessen Hand sie stammten und dem sie vertrauen könnten. Ist das etwa nicht töricht? Warum kamen die Menschen nicht von selbst darauf, dass ihr Handeln lächerlich war? Auch deshalb, weil es nach den damals in ihrer Umgebung vorherrschenden Denkweisen Sinn ergab. Für die Propheten Baals und die Heiden Babylons war ihre Götzenverehrung nicht als töricht zu erkennen, gerade weil sie kulturell normal war.

©Unsplash.com Daiga Ellaby

Ein anderes Beispiel: die Gemeinde in Korinth hielt es für völlig „normal“ und sinnhaft, ihre Redner nach den Regeln der griechischen Rhetoriklehre zu beurteilen. Infolgedessen fühlten sich Teile der Gemeinde berechtigt, die Verkündigung des Paulus abzulehnen. Der Konflikt lief auf eine Entscheidung zwischen den „Wahrheiten“ ihrer Kultur und der Wahrheit des Gotteswortes hinaus.

Je bewusster wir uns sind, welchen unbewussten Einfluss kulturelle Prägung auf uns hat, desto entschiedener können und müssen wir uns der göttlichen Wahrheit im Evangelium zuwenden.

Bevor wir aber über das Evangelium als Gegenmittel einer kulturellen Erblindung sprechen, wollen wir kurz fragen, wie sich eine Kultur – im Kleinen wie im Großen – überhaupt entwickelt.

Die kulturellen Erzählungen

Ein Volk und auch jede kleinere Gemeinschaft empfindet die Notwendigkeit, einen Sinn zu haben. Es scheint ein Wesensmerkmal des im Bilde Gottes geschaffenen Menschen zu sein, diese Sinnfrage immer wieder zu stellen. Weigern sich Gesellschaften, ihren Sinn in Gott zu suchen, entstehen sogenannte „kulturelle Erzählungen“. Das sind also Geschichten, die eine Gemeinschaft über sich selbst erzählt, um ihrer Existenz einen Sinn zu geben. Timothy Keller führte Beispiele an: eher pragmatisch ausgerichtete Kulturen, die Güter und Macht anhäufen; individualistische Kulturen, die Menschen lehren, persönliche Freiheit als das höchste Gut anzusehen oder Kulturen, die auf einem Ehrenkodex basieren, dessen höchste Werte Ansehen und Ehre, Pflicht und Familienzugehörigkeit heißen[ii].

So entstehen Leitwahrheiten, die uns so tief ins Bewusstsein und die Lebensgewohnheiten geschrieben sind, dass ihre Hinterfragung oder gar Unterbrechung unsere gesamte Lebensrealität in Frage stellt. Es bedarf einer radikalen Umkehr des Denkens, einer Erneuerung der Denkrichtung, um die Macht dieser kulturellen Erzählungen zu brechen. Wir wissen: das Neue Testament hat für diese Umkehr das Wort Metanoia („Buße“). Menschen, die eine solche Metanoia vollzogen haben, bilden die Gemeinde. Und damit sind wir bei der Frage, welche Kultur denn diese Gemeinschaft haben sollte.

Die ideale Gemeindekultur

Idealerweise würde die Kultur jeder Ortsgemeinde die Herrlichkeit Gottes, die Herrschaft Jesu und die Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes widerspiegeln. Aber schon ein kurzer Blick auf die Gemeinden im Neuen Testament führt uns vor Augen, dass wir nicht in einer idealen Welt leben. Von der Gemeinde in Korinth war schon die Rede, die Gemeinden in Ephesus und Kolossä offenbaren ebenfalls ihre Neigung dazu, falsche Lehren, Mythen und Spekulationen, also kulturelle Erzählungen ihrer Umwelt, anzunehmen (1. Tim. 1,3–7, Kol. 1,16-20). Auch die Gemeinde in Pergamon wurde von unbiblischen „Leitwahrheiten“ überschwemmt und fortgerissen (Offb. 2,14–17). Das sollten wir nicht einfach damit abtun, dass die Ursache dafür schließlich Sünde, Ungehorsam gegen Gott, war.

Genauso wahr ist eben auch, dass jede Ortsgemeinde aus Gliedern besteht, die nicht nur von biblischen Wahrheiten, sondern auch von der Kultur der Welt geprägt wurden. Unsere Sprache, unsere Vorlieben in Bezug auf Essen und Musik, unsere „bürgerlichen“ Gewohnheiten entwickelten sich nicht nur aus der Bibel. Ganz wesentlich geht diese Sichtweise für das, was unter uns als „normal“ gilt, auf unsere Umgebung zurück. Zum Beispiel, wo wir aufgewachsen sind und welche Verhaltens- und Redensweisen wir aufnahmen.

Selbst wenn uns christliche Familien, Schulen, Firmen und Gemeinden ermöglichen, uns von ihnen fernzuhalten, sind wir doch Menschen aus dieser Welt begegnet. Und diese säkulare (=weltliche) Kultur hat nicht nur relativ harmlose Bestandteile, sondern spiegelt auch immer ihre falschen Götter wider. So wie die kanaanitischen Götter der umgebenden Völker für Israel eine Gefahr darstellten, so neigen auch moderne Christen zu den Lügen und Begierden, die in unseren Kulturen am häufigsten vorkommen. Wir sind Himmelsbürger, aber wir sind auch Bewohner dieser Welt und wurden von ihren Einflüssen geprägt. Wir leben alle auch in einer säkularen Kultur, die für jede Gemeinde eine Gefahr darstellt. Wie sollen wir uns dieser Realität stellen? Sie zu leugnen, würde den eigenen blinden Fleck nur vergrößern. Sollten wir uns von dieser Kultur distanzieren und isolieren? Sollten wir ihr entgegenwirken? Oder in sie hineinwirken? Wenn wir die Gemeinde als Gemeinschaft von Menschen verstehen, die an das Evangelium glauben und danach leben, werden wir für alle drei Perspektiven Bibelworte finden, die ihre Wahrheit zeigen.

©Unsplash.com Erika Giraud

Eine Gemeindekultur, die säkulare Kultur ablegt

Kirchen können die Schönheit des Evangeliums nur dann widerspiegeln, wenn sie Buße und Glauben praktizieren. Sie müssen sich fortwährendg von Götzen abwenden, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen (1. Thess. 1,9). Jede Gemeinde muss die weltlichen Gewohnheiten und Werte, die sie aus der sie umgebenden Kultur übernommen hat, ablegen und sich gemäß den Praktiken und Mustern des Reiches Gottes erneuern. Die Gemeinde hat die Verantwortung, sich mit der sie umgebenden Kultur auseinanderzusetzen. Nur dann kann sie falsche „Brillen“, die ihr sonst von der säkularen Kultur aufgesetzt werden, kennen und bewusst danach fragen, welche andere Sichtweise darauf ihr das Wort Gottes vermitteln möchte. Paulus spricht von dem Kreuz „unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Galater 6,14). Anpassung? Den kulturellen Konsens suchen? Jesus Christus sagte dazu: „Wehe, wenn sie gut über euch sprechen“ (Luk. 6,26). Möglicherweise haben wir mehr „Leitwahrheiten“, Selbstverständlichkeiten und Lebensweisen, die der säkularen Kultur entspringen, übernommen, als wir vermuten.

Wir müssen uns von der Kultur der Welt um uns herum befreien. Wir müssen uns daran erinnern, dass unsere Annahme des Evangeliums und mit Metanoia verbunden war. Wir haben uns dem zugewandt, der das letzte Wort in allen menschlichen Angelegenheiten spricht: dem Mann von Kreuz. Die Kultur seiner Zeit konnte sich nichts Schändlicheres vorstellen, als am Kreuz hingerichtet zu werden und keine größere Dummheit, als zu behaupten, ein Toter sei auferstanden.

Eine Gemeindekultur die sich säkularer Kultur entgegensteht

Jede Gemeinde hat eine Kultur, das haben wir oben festgestellt. Wenn diese nicht die Kultur ihres säkularen sozialen Umfeldes ist, wie kann man sie dann beschreiben? Wünschenswert wäre eine Art „Gegenkultur“. Damit ist nicht gemeint, dass ihr Konzept einfach darin besteht gegen alles zu sein. Das geht auch gar nicht, man kann nicht nicht-kulturell sein. Wünschenswert wäre eine Gemeindekultur, die sich nicht allein dadurch kennzeichnet, was sie ablehnt und abgelegt hat. Wünschenswert wäre eine Gemeindekultur, die eine echte Alternative abbildet. Wenn die Gemeinde ihrer Berufung nach eine Kontrastgemeinschaft ist. Wenn sie im Unterschied zu den Reichen dieser Welt, von Jesus Christus regiert wird. „Seid untadelig und lauter, Kinder Gottes ohne Makel inmitten einer verdorbenen und verkehrten Generation, unter der ihr leuchtet wie Lichter in der Welt“ (Philipper 2,15). Wir sollten uns eine Gemeindekultur wünschen, die ihrer Umgebung eine neue „Brille“ präsentiert, durch die sie die Welt sehen kann. Wenn wir unseren Auftrag als gegenkulturelle Gemeinschaften ernst nehmen, setzen wir, den unbewiesenen, nie diskutierten Leitlinien der vorherrschenden Kultur etwas entgegen. Weil wir unsere Nächsten lieben und möchten, dass sie Christus kennenlernen, beginnen wir, bewusster darüber nachzudenken, „wie wir das tun, was wir tun”. Und ohne an Tiefe und Reichhaltigkeit zu verlieren, beginnt unser Handeln die verändernde Kraft des Evangeliums auf eine Weise widerzuspiegeln, die unsere Nächsten oft überzeugend finden. Sie werden sich ihrer eigenen Kultur bewusst und können sich die Entstehung dieser Gegenkultur nur mit einer Wahrheit erklären, die tiefer geht, als eigene kulturelle Erzählungen – weil sie göttlichen Ursprungs ist.

Eine Gemeindekultur, die in säkulare Kultur hineinwirkt

Die Gemeinde lebt in einer (säkularen) Kultur die sie nicht akzeptiert, aber sie sollte sie verstehen. Nur dann wird sie wissen, wo und wo nicht die kulturellen Unterschiede zwischen Gemeindekultur und säkularer Kultur besonders groß sind. Jede säkulare Kultur wird bestimmte Seiten der Bibel ansprechender und andere anstößiger empfinden. Darin liegen eine Chance und eine Gefahr zu gleich. Gemeinden dürfen nicht den Eindruck vermitteln, als könne man sich aus verschiedenen biblischen Aussagen ein Christsein zusammenbasteln, das möglichst wenig kulturelles Umdenken erfordert. Etwa, indem man sich auf gewisse entscheidende Grundelemente einigt, die gesetzt sind, aber in weniger wichtigen Fragen durchaus die alte kulturelle Brille die Sichtweise bestimmen lässt. Eine solche Haltung hätte aber bereits eine grundlegende Wahrheit des Evangeliums dem modernen kulturellen Einfluss geopfert: die volle Autorität der Bibel, die Anwendung aller biblischen Lehren auf unsere Lebensweise.

Die Chance der Kenntnis von kulturellen Unterschieden besteht darin, sie berücksichtigen zu können. Kulturelle Nähe kann hilfreiche Anknüpfungspunkte bieten („Nicht wahr, das gilt doch auch bei euch so?“). Während gravierende kulturelle Hürden nicht nivelliert werden dürfen, signalisieren sie uns Aspekte, zu denen wir besonders behutsam, klar und meist sehr sorgfältig und gut begründet Stellung beziehen müssen. Paulus macht uns das in seiner Areopag-Rede vor: Das Empfinden, es könne noch einen Gott geben, von dem sie bei all ihrer Götzenverehrung doch noch nicht gehört haben, dient ihm als Anknüpfungspunkt. Über die kulturelle Ähnlichkeit („eure Dichter sagen, dass“) kommt er schließlich zu dem großen kontroversen Thema, der Auferstehung (Apg. 17,23.28.31).

So verstanden, ist Kenntnis der säkularen Kultur sogar essentiell, um als Gemeinde den bekannten Auftrag auszuführen: „Ihr seid das Salz der Erde. … Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,13–14). https://www.bibleserver.com/ELB/Matth%C3%A4us5%2C13#:~:text=13%C2%

Schließlich entwickelt jede Kultur, wie oben ausgeführt, ihre kulturellen Erzählungen. Diese zu kennen, ist entscheidend, um ihre Schwachpunkte aufdecken zu können und überhaupt Themen zu finden, die für sie relevant sind. Selbst wenn die Lehre der Gemeinde dem Evangelium voll und ganz entspricht, kann sie doch für den Besucher aus der anderen Kultur schlichtweg langweilig und uninteressant sein, weil sie nicht seine Fragen anspricht.

Die Gemeindekultur muss das Evangelium anziehend und klar und doch als ein offensichtlich anderes Konzept ausleben. Menschen sollen erkennen: das Evangelium bietet einen Rahmen, der ihnen hilft, die Welt und das Leben besser zu verstehen als in jeder ihrer kulturellen Erzählung.

Wie kann das mit (Gemeinde-) Leben gefüllt werden?

Unsere Gemeindekultur zu überdenken, scheint mühsam, aber notwendig. Die Ansatzpunkte sind so vielfältig wie unsere Gemeindekulturen selbst. Mit der Bibel in der Hand und mit einem Herz, das für die Verlorenen schlägt, sollten wir unsere Gemeindekultur hinterfragen und möglicherweise die gelebte Praxis ändern. Nachfolgend fünf Gedankenanstöße in Richtung einer evangeliumsförderlichen Gemeindekultur. Sie gehen im Wesentlichen auf einen Artikel von Bob Thune zurück[iii]. Manches wird ohnehin schon gelebte Selbstverständlichkeit sein, anderes käme einer kleinen Revolution gleich.

1.     Eine Predigt, in der Zweifel angesprochen werden

Unter dem Einfluss postmoderner Erkenntnistheorie und des Skeptizismus sind die Menschen unseres Umfeldes zu Zweiflern geworden. „Wer kann das schon wissen?“. „Ist nicht auch das Gegenteil irgendwie wahr?“. „Wem soll ich nun glauben?“. Alles ertrage ich, aber keine Absolutheitsansprüche“. Ein kluger, evangelistisch ausgerichteter Ansatz beim Predigen versucht, die Mängel und Lücken in der modernen Denkweise aufzudecken und die Schwäche kultureller Erzählungen der Stärke und Schönheit des Evangeliums gegenüberzustellen.

Eine solche Art zu predigen informiert Menschen nicht nur darüber, was in der Bibel steht, sondern zeigt auch, dass das Evangelium existentiell befriedigender, intellektuell überzeugender und situationsbezogener anwendbar ist als die kulturellen Erzählungen, die uns umgeben. Diese Art der Predigt nimmt eine Position „zwischen zwei Welten“ ein, indem sie moderne Weltanschauungen mit der Schrift konfrontiert und gleichzeitig die Bibel in einen Dialog mit modernen Anliegen bringt.

2.     Eine Gastfreundschaft, die Menschen willkommen heißt

©Unsplash.com Jana Doro

Fremde nehmen soziale Signale sehr deutlich wahr. Wir Menschen erkennen schnell die Dynamik innerhalb und außerhalb einer Gruppe und reagieren entsprechend. Gemeinden, die Wert auf theologische Rechtgläubigkeit legen, können unbeabsichtigt starke Gegensätze zwischen Insidern und Outsidern schaffen: Wir ordnen diejenigen, die glauben, einer Kategorie zu und diejenigen, die nicht glauben, einer anderen. Aber das Evangelium befreit uns, unsere gemeinsame Menschlichkeit zu betonen, ohne unsere Unterschiede auszulöschen oder zu minimieren.

Gemeindekultur ist genau euer Thema?

grow ist die digitale Schulungsplattform für deine Gemeinde.

Lasst euch als Kleingruppe oder Gemeinde dabei an die Hand nehmen, eure Gemeindekultur weiterzuentwickeln – kostenfrei, online, kurzweilig und alltagsnah!

Tatsächlich leben wir in derselben Welt. Einiges trennt uns und das wollen wir nicht leugnen. Und doch haben wir Vieles gemeinsam. Wir stehen in familiären und freundschaftlichen Beziehungen, sind Bürger. Wir arbeiten, spielen, essen und schlafen. Wir zahlen Steuern, geben unsere Stimme ab und haben Hoffnungen, Träume, Ängste und Unsicherheiten. Wir lieben, vertrauen und verehren jemanden oder etwas. Gemeinden, die das Evangelium lieben, betonen diese gemeinsamen menschlichen Realitäten. Sie heißen Außenstehende aufrichtig willkommen, indem sie unsere gemeinsame Menschlichkeit hervorheben. Das ermöglicht ihnen, das Evangelium mutig und offen zu verkünden und gleichzeitig Demut und Großzügigkeit gegenüber ihren Mitmenschen zu zeigen. Herzliche Gastfreundschaft der Gemeinde ist ein mächtiges Instrument der Evangelisation.

  • Den Gottesdienstlichen Rahmen so gestalten, dass er das Evangelium widerspiegelt

In 1.Korinther 14,23-25 behandelt Paulus den Fall, dass ein „Unkundiger“ den Gottesdienst besucht. Er ermahnt die Korinther, die Gemeindeversammlung so zu gestalten, dass der fremde Besucher nicht verwirrt wird. Seine Erwartung an diesen Besuch ist vielmehr, dass der Besucher erkennt, „dass Gott wahrhaftig in euch ist.“

Nehmen wir unsern Herrn zum Vorbild, der sagte wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen (Joh 6,37).

Gibt es vielleicht eine gelebte Praxis, die für den Fremden ungewollt abstoßend ist? Vielleicht hilft es einmal darüber nachzudenken, wie unser typischer Ablauf des Gottesdienstes auf Besucher wirkt. Wir müssen nicht allem ihren Erwartungen und Gewohnheiten entsprechen. Und doch ist die Frage zu stellen, wie wir unsere Gemeindekultur transparenter für sie machen können. Beispielsweise sollten wir gegenseitige Wertschätzung, Interesse am Anderen und vorbehaltlose Annahme praktisch erlebbar machen.

Wir könnten einen Begrüßungsdienst einrichten, der schon am Eingang ein herzliches Willkommen ausspricht und an dem man sich mit Fragen und Unsicherheiten wenden kann. Man kann es sich zur Gewohnheit machen, zu Beginn der Veranstaltung Gäste explizit zu begrüßen und den Ablauf in verständlichen Worten vorzustellen. Eine dauerhafte Einladung zum Ausklang beim Stehcafé kann auch dazu gehören. Immer wieder sollten wir uns die Frage stellen, ob man aus dem erlebten „Drumherum“ unserer Gemeindeveranstaltung eine Verbindung zum Evangelium ziehen kann. „Menschen nehmen mehr war, als ihnen gelehrt wird“ sagt uns ein Sprichwort. Die Art und Weise, wie Gottesdienste der Gemeinde dem Besucher präsentiert werden, kann ihm sehr helfen die Punkte Schuld, Gnade und Dankbarkeit miteinander zu verbinden.

  • Eine Gemeinschaft, die von Ehrlichkeit und Annahme geprägt ist

Jede Gemeinschaft freut sich über etwas. Und eine evangeliumszentrierte Gemeinde freut sich über Buße und Glauben. Wir freuen uns darüber, unsere Sünden nicht vertuschen zu müssen, ehrlich zu unseren Schwächen zu stehen und einander herzliche Vergebung zuzusprechen. Wir freuen uns über die Gnade Jesu Christi und die Herrlichkeit der Verheißungen Gottes in der Heiligen Schrift. Und indem wir uns über diese Dinge freuen, werden wir auf seltsame Weise gegenkulturell.

Kürzlich erlebt: bei einer Besucherin, entschuldigt sich ein Gemeindekind. Der Kleine bat tatsächlich um Vergebung – eher wegen einer „Kleinigkeit“. Sie sah sich völlig perplex nach Hilfe um. Schließlich sagte sie: „Darum hat mich noch niemand gebeten – was sagt man in einem solchen Fall?“ Viele Menschen haben in der Gemeinde vielleicht zum ersten Mal die Gelegenheit auf Menschen zu treffen, die eigenes Unrecht auch so nennen, um Vergebung bitten und sie auch in der Gemeinschaft erfahren.

Wenn in der Gemeinde eine Kultur der Vergebung gelebt wird, kann das Herzenstüren für das Evangelium öffnen.

5.     Eine Atmosphäre von widerstandfähiger Hoffnung

©Unsplash.com/Jana Doro

Wir haben oft erfahren, dass Leiderfahrungen in die Arme Gottes treiben können. Natürlich ist auch das Umgekehrte möglich: manche Menschen wenden sich wegen erlebten Leids enttäuscht von Gott ab. In unterschiedlichem Maße, aber auch mit unterschiedlicher Sensibilität dafür, ist Leid wohl die einzige Erfahrung, die jedem Menschen garantiert ist. Die Theodizee-Frage „Warum lässt Gott Leid zu?“ wird häufig gestellt. Christen sehen sich herausgefordert, hier schlüssige Antworten und Argumentationen zu liefern. Doch diese „theoretische“ Apologetik ist längst nicht so überzeugend, wie eine Gemeindekultur, die beweist mit Leid umgehen zu können. Die Bekehrungsgeschichte der ersten Gemeindeglieder in Philippi geht wesentlich auf zwei Gefangene, Paulus und Silas, zurück, die im Gefängnis von Herzen Loblieder singen konnten. Seelsorgerliche Begleitung, wortarmes aber trostvolles Anteilnehmen und Raumgeben für die Trauer – das alles hat seinen Platz in der Gemeinde. Noch wichtiger aber ist wohl eine Atmosphäre der hoffnungsvollen Trauer. Die Gemeinde soll anders trauern, sagt Paulus in 1.Thessalonicher. 4,13.

Die Gemeinde ist wie alle menschlichen Gemeinschaften ein Ort vollen menschlichen Leides. Demenz, Diabetes und Down-Syndrom machen nicht vor den Gemeindetüren halt. Die Gemeinde verfügt auch nicht über die Macht, alles Leid der Welt wegzubeten. Aber wir können den schlimmsten Dingen voller Hoffnung begegnen. Wir erwarten die Auferstehung aus den Toten und das Leben in einer kommenden Welt und wissen schon in der diesseitigen Welt Gott an unserer Seite. Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ist ein sehr modernes Wort: in der Gemeinde sollte man widerstandsfähiger Hoffnung spüren können.


[i] Bob Thune, The Church: A Witness to the World, In: Collin Hansen, et al (HRsg.): The Gospel After Christendom, Grand Rapids: Zondervan, 2025.

[ii] Timothy Keller, Center Church, Gießen: Brunnen 2017, S. 97

[iii] Bob Thune, s.o.

© Titelbild: iStock.com/SDI Productions

Jochen Endres

Redakteur

Weitere Inspiration für diese Alltagswelt

Neue Perspektiven und Tipps von erfahrenen Alltagsmissionaren

3. September 2025

Alltagswelt Nachbarschaft

In unserem Podcast "Das Gespräch" haben wir uns mit den Inhalten des Buches Der Insider vom CLV Verlag beschäftigt. Du hast die Podcastreihe damals verpasst. Kein Problem! Erfahre in dieser Zusammenfassung wie du als „Insider“ in deinem Umfeld ganz natürlich ein Zeugnis sein und deinen persönlichen Missionsauftrag leben kannst.

26. Januar 2026

Alltagswelt Nachbarschaft

Menschen glauben aus unterschiedlichen Gründen nicht an Gott und zeigen generell wenig Interesse am Evangelium. In diesem Artikel erfährst du die 15 häufigsten Gründe und wie du damit umgehen kannst.

26. Januar 2026

Alltagswelt Nachbarschaft

Sport begeistert, bewegt, verbindet – und erreicht Menschen wie kaum ein anderer Bereich unseres Alltags. Doch hast du dich schon mal gefragt, was dein Glaube mit deinem Sport zu tun hat? Wird dein Glaube in der Welt des Sports sichtbar? Welche Möglichkeiten hast du, Jesus mit auf den Platz zu nehmen?