Pflegeeltern aus Berufung: Warum ihr als Christen darüber nachdenken solltet, ein Pflegekind aufzunehmen

Warum habt ihr eigentlich noch kein Pflegekind aufgenommen? Ihr fragt: warum solltet ihr ausgerechnet darüber nachdenken? Erfüllt ihr überhaupt die Voraussetzungen? Hier ein Erfahrungsbericht von Christen, die sich bewusst entschieden haben, Pflegeeltern zu werden. Zum Schutz der Familie ein anonymer Bericht.

Pflegekind? – wie kommt man auf so eine Idee?

Nein, wir sind nicht als Pflegeeltern geboren worden. Es ist auch nicht so, dass die Pflegeelternschaft irgendwann als eine verzweifelte Notlösung am Horizont erschien. Wir kennen Paare, die nach jahrelanger ungewollter Kinderlosigkeit begannen über ein Pflege- oder Adoptivkind nachzudenken. Bei uns war es anders. Wir freuten uns gerade auf die bald anstehende Geburt unseres ersten Kindes, als ein überraschender Anruf des Jugendamtes kam: ob sie uns einmal besuchen dürften? Es stellte sich heraus, dass sie Pflegeeltern für ein Geschwisterpaar suchten, die nicht länger zuhause wohnen bleiben sollten oder konnten. Auf uns war das Jugendamt gestoßen, als sie einen befreundeten Pastor fragten, ob er nicht von jemandem wüsste, der einen ähnlich „freikirchlichen Lebensstil“ pflegte, wie er in der Ursprungsfamilie der Kinder gelebt wird.

Sollten wir Pflegeeltern werden, bevor wir überhaupt Eltern geworden waren? Für das zuständige Jugendamt war das nicht undenkbar. Zwar löste sich das Anliegen des Jugendamtes in den nächsten Wochen in Luft auf, aber in uns war ein erster Impuls gesetzt. Warum eigentlich nicht? Könnte dahinter ein Wink unseres Gottes stehen, dass wir über Pflegekinder nachdenken sollen? Was genau verbirgt sich eigentlich dahinter?

Pflegekind ist was genau?

Anders als der Begriff vermuten lässt, geht es bei Pflegekindern nicht ausschließlich und hauptsächlich um „Pflege“ in dem Sinne, dass körperliche Bedürfnisse gestillt werden. Die Aufgabe von Pflegeeltern ist umfassender, sie übernehmen erzieherische Aufgaben, bieten soziale und emotionale Nähe, helfen Traumata zu überwinden. Kurzum: Pflegeeltern sind einfach Eltern. Aber Pflegekinder sind nicht unbedingt einfach Kinder. In der Regel sind sie keine leiblichen Verwandten ihrer Pflegeeltern. Das klingt banal – ist es aber nicht. Als Pflegeeltern und „leibliche“ Eltern haben wir immer wieder vor dem Phänomen gestanden: ist das alles eine uns unbekannte Genetik oder woher kommt dieses „Anderssein“? Noch schwerwiegender: in der Regel liegen in der Vergangenheit von Pflegekindern belastende Ereignisse und Umstände.

Es gibt selbstverständlich Gründe, warum sie nicht in ihrer Ursprungsfamilie aufwachsen können, und diese sind so vielfältig und vielschichtig wie das Leben selbst. Zum Beispiel kann eine wirkliche Ursprungsfamilie gänzlich fehlen, weil es nur eine (möglicherweise minderjährige) leibliche Mutter gibt, die mit der Erziehungsrolle überfordert ist. Die Ursprungsfamilie kann zerrüttet und das Wohl des Kindes gefährdet sein. Leibliche Eltern können verstorben, in Drogenabhängigkeit verstrickt oder straffällig geworden sein. Bei unseren drei Pflegekindern war es z.B. die an den größeren, anderen Kindern erwiesene Erziehungsunfähigkeit der Mutter, und Eltern, die ihr minderjähriges Kind aus dem Kriegsgebiet heraus allein auf die gefährliche Flucht nach Europa geschickt haben. Im Lexikon heißt es: „Das Aufwachsen in einer Pflegefamilie stellt somit eine Alternative zur Erziehung in einem Kinderheim bzw. betreuten Kinder- und Jugendwohngruppen dar.“ Wir würden ergänzen: eine gute Alternative!

© unsplash.com/Yunus Tuğ

Wie lange bleibt ein Pflegekind bei seinen Pflegeeltern?

Das kommt darauf an. Pflegeverhältnisse können eingeleitet werden, damit kurzfristige Notfall- oder Übergangssituationen überbrückt werden. Sie können aber auch auf ein Dauer-Pflegeverhältnis angelegt sein. Im Fall unserer Eltern im Kriegsgebiet galt das Pflegeverhältnis nur für die unbestimmte Zeitspanne, bis auch den Eltern die Flucht gelang. Die anderen beiden Pflegekinder kamen als Pflegekinder auf Dauer, d.h. bis ihr Status „Kind“ durch die Volljährigkeit beendet wurde. Das ist die juristische Antwort. Die Antwort des Herzens lautet: unsere Pflegekinder sind unsere (inzwischen erwachsenen) Kinder und das werden sie bleiben, solange wir leben. Etwas anders liegt die Sache bei unserem „Flüchtlingskind“ dessen leibliche Eltern nun wieder die erste Rolle spielen, was wir ihnen auch gerne zugestehen.

Warum Pflegekind und nicht Adoption?

Wenn wir in diesem Artikel von Pflegekindern sprechen, fühlt sich das für uns komisch an. Es sind unsere Kinder. Basta. Wir haben nie einen Unterschied gemacht zwischen leiblichen und anderen Kindern. Sie empfinden uns als Mama und Papa – wie sollten sie auch anders? Dann aber stellt sich die Frage, warum nicht Adoption, also die „Annahme an Kindesstatt“ wie es im Juristendeutsch heißt?

Erstens: die Frage stellt sich oft gar nicht. Immer noch kommt auf vier „adoptionswillige Eltern(teile)“ ein Kind, das zur Adoption frei gegeben wird. Die Statistik zeigt, dass das Verhältnis früher noch viel ungünstiger war. Dass ein Kind nicht in der Herkunftsfamilie aufwachsen sollte, kann Entscheidung des Jugendamtes sein. Dass ein Kind adoptiert werden darf, ist immer auch eine Entscheidung der leiblichen Eltern.

Zweitens: überlege es dir gut! Eine Adoption ist die juristische Gleichstellung mit einem leiblichen Kind. Mit allen juristischen Folgen: Unterhaltspflicht der Eltern, Erbrecht und vieles andere mehr. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist deshalb vor jeder Adoption eine „angemessene Zeit der Pflege“, die sogenannte Adoptionspflege vorgesehen. Die Annahme eines Kindes durch Adoption kann nicht an später zu erfüllende Bedingungen geknüpft werden und kann nicht zurückgenommen werden. Darauf machte uns der zuständige Notar aufmerksam, als wir eines unserer Pflegekinder adoptieren konnten. Bei diesem Satz schauten wir uns an und staunten neu über unseren Gott: auch wir sind ja von ihm als Kinder adoptiert worden. Bedingungslos – nicht zurückzunehmen!

Drittens: spätere eine Adoption ist nicht ausgeschlossen – im Gegenteil. Bei „Pflegekindern auf Dauer“ läuft es, wie bei uns, nicht selten auf eine spätere Adoption hinaus. Deswegen lautet die Frage nicht: Pflegekind oder Adoptivkind? Sondern: zunächst Pflegekind, später eine Adoption?

Statistik Pflegekinder

Die gerundeten Zahlen beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes auf der Seite www.destatis.de

Sind Pflegekinder eine finanzielle Belastung?

Pflegeeltern bekommen finanzielle Unterstützung dafür, dass sie Pflegekinder aufnehmen. Wir haben das „Pflegekindergeld“ ohne Scheu angenommen. Die Solidaritätsgemeinschaft wird dennoch entlastet, weil die Kosten für eine Unterbringung im Heim oder in einer Kinder- und Jugendgruppe ungleich höher wären.

Wenn es jedoch nur darum geht, die Haushaltskasse aufzubessern, würden wir allerdings von einer Pflegeelternschaft abraten. Zum Geldverdienen stehen wahrscheinlich den meisten von euch leichtere und bessere Möglichkeiten offen. Niemand will und kann die durchwachten Nächte, die herausfordernden Situationen und die Grenzerfahrungen angemessen entlohnen. Wir sind durch unsere Pflegekinder nicht arm geworden – aber auch nicht reich. Die (Pflege-)Kinder entschädigen für den enormen Aufwand, nicht das (Pflege-)Kindergeld!

Übernimmt man damit nicht viel Verantwortung – sogar zu viel Verantwortung?

Keine Sorge! Die juristische Last schwerwiegender Entscheidungen außerhalb der alltäglichen Vorgänge liegt bei Pflegekindern zunächst in der Regel bei einem eingesetzten (Amts-) Vormund. Unserer Erfahrung nach ist, dass es dadurch manchmal kompliziert und schwierig wird, andererseits ist das gerade am Anfang einer Pflegeelternschaft auch entlastend. Bestimmte Entscheidungen dürfen und müssen mit einer dritten Person besprochen und letztlich von ihr verantwortet werden. Bei uns wurde die Vormundschaft nach einiger Zeit beendet und auf uns übertragen. Nach der Volljährigkeit bestand noch für einige Zeit eine Betreuung, die einer von uns übernommen hat.

Ja, wir haben Verantwortung übernommen. Aber dafür sind Eltern da, nicht wahr? Wenn ihr Respekt, aber keine Angst davor habt, Eltern zu werden, dann kann Gott euch auch helfen, Pflegeeltern zu sein. Denn: Pflegeelternschaft ist durchaus biblisch!

Mose – ein ganz berühmtes „Pflegekind“ aus der Bibel!

„Nimm dieses Kind und stille es für mich.“ Dieser Vers aus Zweites Mose 2,9 war uns eine Leitlinie für unsere Entscheidung. Die Geschichte Moses wurde unter der Vorhersehung Gottes in gewisser Weise die Geschichte eines Pflegekindes. Wir kennen sie aus der Bibel: Mose wird in einer Zeit geboren, als Pharao befahl die hebräischen männlichen Neugeborenen zu töten. Seine Eltern müssen sich von ihm trennen, verstecken ihn vor seinen Häschern in einer kleinen Arche im Schilf des Nils. Die Pharaotochter „adoptiert“ diesen „aus dem Wasser geretteten Sohn“ – so die Namensbedeutung von Mose. Aber sie kann ihn vorübergehend nicht versorgen. Sie braucht jemand, der ihn stillt und aufzieht. Dass die gefundene Pflegemutter gleichzeitig die leibliche Mutter ist, darf als ein weiteres Beispiel für wundersame Führungen unseres Gottes gelten. Der Gedanke bleibt: Mose wird außerhalb seiner „rechtlichen“ Familie erzogen, lernt als „Enkelkind des Pharaos“ den Gott Israels in einer (eigentlich seiner) Familie kennen. Das prägt ihn so sehr, dass er sich später gegen ein Leben am Hof entscheidet und lieber das leidvolle Leben eines Sklavenvolkes wählt (Hebräer 11,25). Die Zeit des adoptierten Pharaokindes bei seinen (leiblichen) Pflegeeltern war also entscheidend. Das gab und gibt uns Hoffnung für unsere (leiblichen und nichtleiblichen) Kinder. Unser Glaube darf Kreise ziehen und dafür ist der Rahmen einer familiären Gemeinschaft bestens geeignet!

Geht das gut aus?

© unsplash.com/Timothy Chan

Auch wenn alle unsere Kinder inzwischen erwachsen sind, ist unsere Geschichte mit ihnen, oder besser: die Geschichte unseres himmlischen Vaters mit ihnen, noch nicht zu Ende. Aber vielleicht ein Zwischenfazit: Alle unsere Kinder auch diejenigen, die nicht von Geburt an bei uns waren, haben das Wirken Gottes in unserer Familie auf vielfältige Weise erfahren. Jeder von ihnen hat mindestens unsere Gebetserfahrungen miterlebt, hat viele Bibeltexte und ihre Anwendung auf das praktische Leben erfahren. Jeder von ihnen hat mindestens einmal klar geäußert, erlebt zu haben, was authentisches Christenleben bedeutet. Keiner von ihnen zweifelt daran, wirklich von uns Eltern geliebt zu werden und jeder von ihnen weiß, dass wir diese Liebe auf Gottes Liebe, ausgegossen in unsere Herzen zurückführen. Nein, nicht alle haben sich, Stand heute, für ein Leben mit Jesus Christus entschieden. Und doch gab es die Entscheidung für Christus auch unter unseren (Pflege-)kindern, die nach Menschengedenken im ursprünglichen Umfeld kaum vorstellbar gewesen wäre. Die Zeiten waren nicht immer einfach, aber wer einfache Zeiten und einfachen Glauben möchte, darf sich nicht wundern, wenn sie zu fruchtleeren Zeiten werden. Pflegekinder und Pflegeeltern sind ein Segen!

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