Dietrich Bonhoeffer: Blickrichtungen für Eingesperrte

Corona sperrt uns alle ein. Das kann erdrücken. Vor 77 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer verhaftet. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er im Gefängnis. Wie er die Zeit der sozialen Isolation gefüllt hat, kann uns zum Vorbild sein.
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Wir können viel von Bonhoeffer lernen

Geschätzte Lesezeit: 3:45 Minuten

Lichtgestalten blenden. Manchmal ist es schwer, sich mit jemandem zu beschäftigen, von dem alle immer nur Gutes zu sagen haben – so als gäbe es sie doch, die Sündlosen, Schuldlosen, Fehlerlosen. Es ist deshalb herausfordernd, über jemanden wie Dietrich Bonhoeffer zu schreiben. Er war keine 40 Jahre alt, als er hingerichtet wurde. 1906 geboren, lebte er in einer Zeit, die besonders finster war: Zwei Weltkriege, eine Diktatur, die sechs Millionen Juden getötet hat, die Weltherrschaft an sich reißen wollte und dem Menschen keine Schwäche, keine Tränen, keine Feinfühligkeit zugestand. Eine Finsternis, in der Licht besonders hell strahlte. Ich möchte diese Lichtgestalt als Taschenlampe gebrauchen und etwas davon lernen, wie der Weg durch eine Dunkelheit bewältigt werden kann.

Ich habe die Lektüre einer Bonhoeffer-Biografie beendet, kurz bevor in meiner Stadt Bibliotheken, Sporthallen, Schwimmbäder wegen Corona geschlossen wurden. Was mich erwarten würde für einige Wochen, konnte ich nun durch die Brille des gerade geschlossenen Buches sehen.

Eingesperrt und abgeschnitten

Als Dietrich Bonhoeffer am Anfang von anderthalb Jahren in seiner Zelle im Gefängnis saß, war er abgeschnitten von seinem Beruf als Pastor und Theologe und getrennt von Freunden und Familie. Seine Arbeit und der Umgang mit Menschen hatten ihn ausgefüllt. Zunächst durfte er nur selten und wenige Briefe schreiben – alle zehn Tage einen an seine Eltern. Er hatte kein WhatsApp, kein Facebook, ein paar Nachrichten werden durchgedrungen sein. Durch das Wohlwollen einiger Wärter und durch Bemühungen von Verwandten wurden die Bedingungen später gelockert. Hin und wieder waren sogar Besuche möglich.

Der Blick zu den Menschen draußen

Er war bemüht darum, aus seiner Zelle hinauszublicken: Seine Briefe handeln besonders zu Beginn seiner Haft immer wieder davon, seinen Eltern und Freunden, seiner Verlobten die Sorgen um ihn zu nehmen. Später sogar begehrte er förmlich dagegen auf, dass Freunde ihn als Leidenden darstellten. Wenn er anderen helfen konnte, hat das seine eigene Situation erträglicher gemacht – das ist nicht verwunderlich, denn Gott hat es in der Bibel verheißen:

„Eine segnende Seele wird reichlich gesättigt, und wer anderen zu trinken gibt, wird selbst erquickt.“ (Sprüche 11,25)

Der Blick in die Bücher

Dietrich Bonhoeffer hat in der Haft seine Nase unentwegt in Bücher gesteckt. Das ist ihm natürlich nicht schwer gefallen, weil sein berufliches Leben bis dahin aus Lesen, Schreiben und Lehren bestand. Aber die geistige Arbeit, Themen, die ihn schon länger beschäftigten und neue Fragen, die in der Haft bedeutend wurden, schufen ihm einen geregelten Tagesablauf. Keine Langeweile, kein Müßiggang, kein Grübeln.

Der Blick in die Zukunft

Bonhoeffer hat nach vorn geschaut. 1939 noch hatte er die Möglichkeit gehabt, Deutschland für lange Zeit fernzubleiben und in Amerika bei Freunden zu sein. Doch er entschied sich, nach Deutschland zurückzukehren mit der Überzeugung:

„Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens in Deutschland nach dem Kriege mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teile.“

Mehrere seiner Briefe aus der Haft sprechen von der freudigen Erwartung, seine Freunde, seine Familie und seine Verlobte bald in Freiheit wiederzusehen. Im Rückblick betrachtet, kann man es eine Illusion nennen. Aber liegt in einer Notsituation in einem hoffnungsvollen Blick nach vorn nicht mehr Kraft als in hoffnungslosem Grübeln über die aktuellen Widrigkeiten?

Der Blick in die Zelle nebenan

Die Menschen, die täglich mit ihm zu tun hatten, suchten Zuflucht, Rat und Trost bei Bonhoeffer. Eingesperrt in eine Zelle, war er in Wirklichkeit als Seelsorger im Gefängnis gefragt. Er strahlte Ruhe aus, Gelassenheit bemerkten die Menschen an ihm (er selbst zeichnet ein anderes Bild von sich. Er schaute weg von sich, auf seinen Herrn Jesus Christus und war nicht so sehr mit dem Unmittelbaren beschäftigt.

Ausblick für mich

Ich bin überzeugt, dass Menschen wie Dietrich Bonhoeffer nicht aus sich selbst heraus strahlen. Gott hatte diesen Mann befähigt, berufen und geführt – wie er jeden an seinem Ort gebraucht, der ihm vertraut.

Jetzt bin auch ich ein bisschen eingesperrt und abgeschnitten von „sozialen Kontakten“. Ich möchte nach anderen fragen, ihnen schreiben, sie anrufen und für sie beten. Ich möchte in die Bücher schauen. Bevor die Buchhandlungen in meiner Stadt geschlossen wurden, habe ich mir noch einen kleinen Stapel Lesepapier „gehamstert“. Der Blick nach vorn macht vieles viel leichter. Sicher wird die Welt sich nach Corona verändert haben und vor neuen Fragen stehen. Aber ich möchte mich darauf freuen, dann wieder Freunde treffen, zum Sport gehen oder eine Bibliothek besuchen zu können. Ich möchte für andere Menschen ein Licht sein, ihnen Aufmerksamkeit schenken, Trost, Hilfe und etwas von Jesus Christus weitergeben.

Dass das mit Gottes Hilfe möglich ist – dafür ist Dietrich Bonhoeffer ein leuchtendes Beispiel.

Kommentare

3 Kommentare zu “Dietrich Bonhoeffer: Blickrichtungen für Eingesperrte

  1. Tino Felgner sagt:

    „Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens in Deutschland nach dem Kriege mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volk teile.“

    In diesen wenigen Worten kommt endloses Gottvertrauen, ein ganz tief gehender Patriotismus, Liebe zu seinem Volk und eine hohe ethisch- sittliche Auffassung von Pflichterfüllung und Verantwortungsbewusstsein, einhergehend mit persönlich hohen Ansprüchen an die eigene Charakterfestigkeit zum Ausdruck!

    Der Vergleich mit heute in der Öffentlichkeit stehenden Personen fällt dagegen sehr nüchtern aus. Danke für diesen Artikel, welcher einen Menschen beschreibt, der sicherlich für viele Bürger ein Ansporn sein kann.

  2. Michael sagt:

    Ich hätte zwar nicht mit Dietrich Bonhoeffer tauschen wollen und habe Gott schon zig mal gedankt, dass ich nicht zu Nazi-Zeiten geboren wurde, aber im Gegensatz zu den Geschwistern die in Nordkorea in den Gefängnissen dahin vegetieren vermute ich, hatte es Dietrich Bonhoeffer noch besser. Ich will damit nicht sagen, dass er nichts zu beklagen hatte, sondern eher dass es inzwischen noch viel schlimmere Zustände auf der Welt gibt. Der Nordkoreanische Diktator und seine Vorgänger lassen sich tatsächlich als Götter verehren. Guckt mal bei Open Doors. Auf einer Zeichnung, die die da aus Gefängnissen hatten, sahen die Leute alle aus wie so längliche Außerirdische weil die nur noch Haut und Knochen bestanden.

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